2015

Ein Taunerhaus am Krämergässchen


Bernard Jaggi




Ein unscheinbares Einfamilienhaus am Krämergässchen versinkt seit dem Tod seiner letzten Bewohnerin in einem Dornröschenschlaf. Bei einer Untersuchung der Basler Denkmalpflege entpuppte es sich als eines der letzten baugeschichtlichen Zeugnisse aus dem 16. Jahrhundert im Oberdorf. 




In einem grossen Bogen durchzieht der Aubach den westlichen Teil Riehens. Der spezielle Bachverlauf und sein topo-grafisches Umfeld dürften für die frühe Besiedlung des ländlichen Oberdorfs bestimmend gewesen sein. Der Bach war Lebensader der Siedlung und gleichzeitig Leitlinie der Ausfallstrasse von Riehen ins Wiesental. Von Inzlingen her kommend, lag er einst offen neben der Strasse und wurde erst im 20. Jahrhundert in den Abschnitten Oberdorfstrasse und Rössligasse überdeckt und eingedolt.


Die Ursprünge des Oberdorfs liegen vermutlich ebenso weit zurück wie die Anfänge des Unterdorfs mit der mittelalterlichen Kirchengründung St. Martin. Beidseits der einst bedeutenden Verbindungsstrasse nach Stetten und Inzlingen standen im 16. Jahrhundert stattliche Bauernhöfe, die typischerweise Wohnung, Stall und Scheune unter einem Dach vereinten. 


Unmittelbar vor der Einmündung der Oberdorfstrasse in die Rössligasse zweigt ein schmales Gässchen hinter dem Restaurant ‹Sängerstübli› ab und schlängelt sich hinter den Häusern östlich der Rössligasse durch, um dann in die Wendelinsgasse zu münden. Am oberen Punkt dieses Erschliessungswegs befand sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein Krämerladen, weshalb das Gässchen später Krämergässchen genannt wurde. 




Ein letzter Zeuge am Krämergässchen


In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die alten Bauernhäuser im Oberdorf nach und nach durch banale, aber rentablere Mehrfamilienhäuser ersetzt. Einzig an der Oberdorfstrasse blieben einige wenige Bauernhäuser erhalten. Umso grösser war die Überraschung, als anlässlich einer baugeschichtlichen Abklärung 2013 die Bauforschung der Denkmalpflege den Rest eines Bauernhauses aus dem 16. Jahrhundert im unscheinbaren Einfamilienhaus am Krämergässchen 2 entdeckte. Die Bausubstanz des zweigeschossigen Häuschens mit Satteldach entpuppte sich als Restbestand eines ehemaligen Bauernhauses, das in seiner ursprünglichen Dimension eine breite Parzelle hinter der Einmündung des Krämergässchens in die Wendelinsgasse belegte. 


Dass sich ein kleiner Rest dieses Gebäudes bis auf den heutigen Tag erhalten konnte, beruht auf einer Besitzeraufteilung, die im 17. Jahrhundert den grösseren, gegen die Wendelinsgasse orientierten Teil ausgeschieden hatte. Dadurch wurden Grundstück und Haus in zwei ungleiche Teile geteilt, in einen nördlichen am Krämergässchen, auf dem der kleinere Teil des Bauernhauses stehen blieb, und in einen grösseren, zur Wendelinsgasse gerichteten, dessen Bausubstanz 1960 durch einen Neubau ersetzt wurde. Bis 1960 erschien das Bauernhaus noch als einheitliches Mehrzweckgebäude mit all den typischen Attributen eines landwirtschaftlichen Zweckbaus.


Dank der einstigen Haus- und Grundstückteilung hat sich ein unscheinbarer, aber umso aussagekräftigerer Rest der bäuerlichen Ansiedlung im Oberdorf erhalten. Die überlieferten Urkunden zu den beiden Parzellen belegen eine kontinuierliche Bewohnerschaft seit den Anfängen des 16. Jahrhunderts, die bis ins 18. Jahrhundert dem Kloster Wettingen zinspflichtig war.1




Was uns die Quellen berichten


Verfolgt man die Besitzergeschichte von den Anfängen des Bauergehöfts vom frühen 16. bis ins 20. Jahrhundert, ergibt sich weniger das Bild eines typischen Familienbauernbetriebs, sondern vielmehr das eines Taunerhauses mit vielen wechselnden Bewohnern unterschiedlichster Berufsgattungen. Vor allem seit der Gebäudeteilung präsentiert sich eine verdichtete Gebäudenutzung mit Kleinbauern und Handwerkern. 


Die früheste Berainsurkunde aus dem Jahr 1503 erwähnt den Garten eines Claus Göttin, der «in der Hub lit»: Die ‹Hub›, auch ‹Hufe› genannt, war eine mittelalterliche Masseinheit für Grundstücke. Denselben Garten, der den Erben von Jacob Meyer gehört, bezeugt das Zinsbuch des Klosters Wettingen 1535. In den Wettinger Urkunden der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erscheint ein Hans Meyer als Eigentümer; allerdings wird erst um 1586 unter der Berains-Nr. 280, unter der das Grundstück verzeichnet ist, von einem «huss und garttenn» berichtet. Die dendrochronologische Untersuchung der Holzkonstruktion – die Datierung der Fälldaten anhand der Jahrringe2 –, ergab eindeutig, dass ein erstes Haus bereits im Jahr 1550 errichtet worden war.


Spätestens um 1662 erfolgten die Aufteilung des Bauernhofs und damit auch die Unterteilung des Gebäudes. Ein Cuoni Meyerhover besitzt einen Teil des Hauses, sein Sohn Adam den anderen, der wenig später an Heini Stürm übergeht. Ihm gehört ein Drittel des Gartens: «von disem lesten posten soll er zinss seit anno 1665» zahlen. Über Jahrzehnte verbleibt die Familie Stürm im später Krämergässchen 2 genannten Hausteil. Für das 18. Jahrhundert sind mehrere Bewohnerwechsel überliefert. Zum Anwesen gehören Behausung, Scheune, Stallung und Krautgarten. 1775 ist wieder ein Bewohner mit dem Namen Göttin vermerkt. Ob dieser Jakob Göttin ein Nachkomme des erstgenannten Bewohners Claus Göttin von 1503 ist, bleibt eine offene Frage. Im 19. Jahrhundert endet die Zinspflicht an das Kloster Wettingen. Die späteren Nachweise finden sich in unterschiedlichen Quellen wie dem Brandlagerbuch oder dem Gerichtsarchiv. 


Mit dem Bau der Wiesentalbahn von Basel nach Schopfheim um 1860 wurde das ganze Riehener Oberdorf diametral durchschnitten. Die damit verbundenen Expropriationen betrafen auch das Grundstück des Taunerhauses am Krämergässchen. 1863 musste der äussere Teil des östlich gelegenen Gartens an das Bahntrassee abgetreten werden, was nicht ohne Widerstand seitens der Riehener Grundstücksbesitzer verlief.3 Kurz zuvor hatte der damalige Besitzer des Krämergässchens, Jacob Basler, um die Erlaubnis zur Errichtung eines Schopfes ersucht, was unter Berücksichtigung eines ausreichenden Abstands zum geplanten Bahntrassee bewilligt wurde. Dieser Schopf, in dem die Familie Schroth später ihre Wäscherei betrieb, steht noch heute im rückwärtigen Garten links neben dem Wohngebäude.


Im Brandlagerbuch von 1872 erfahren wir erstmals Genaueres über das Haus. Der Teil Krämergässchen 2 figuriert unter der Nr. 77 und wird als Behausung mit Anhang in Mauer und Riegel beschrieben, die an Nr. 80 (Hausteil Wendelinsgasse 28) anstösst. Erwähnt wird auch, dass der Balkenkeller unter Nr. 80 liegt. Ein Faktum, das bis heute im Keller nachvollziehbar ist und auch aus den alten Katasterplänen hervorgeht. 1882 erwirbt Johannes Seidenmann Haus und Garten, 1898 J. J. Schweizer und 1905 dessen Witwe E. Schweizer-Hodel. 


Seit 1922 ist das Haus Krämergässchen 2 im Besitz der Familie Schroth. 1934 liess sie im rückwärtigen Schopf neben dem Waschhaus eine Garage einbauen und erweiterte 1949 das kleine Wohnhaus mit einem Badezimmer in Gestalt eines kleinen eingeschossigen Anbaus am hinteren Ende der Giebelfassade gegen den Garten. Wie der heutige Besitzer Karl Schroth berichtet, bewohnte in den 1950er-Jahren sein Grossvater Karl Schroth, der als Elektriker tätig war, das Haus.4 In seiner Freizeit war dieser passionierter Musiker und im Dorf als erster Trompeter bekannt und geschätzt. Zu seiner Zeit wurde im hinteren Schopf eine kleine Wäscherei mit Glätterinnen und Wäscherinnen aus dem Elsass betrieben. Die Wäsche wurde im oberen Geschoss des Wohnhauses aufgehängt, das wegen der geringen Raumhöhe nie bewohnt werden konnte. Der erste Stock war nur über eine aufklappbare Scherentreppe zugänglich, da die alte Haustreppe bereits Jahrzehnte zuvor abgebrochen werden musste. 


Im Jahr 1960 reichte die Besitzerin des grösseren Gebäudeteils des ehemaligen Bauernhauses, Louise Wunderli-Schweizer, ein Abbruchgesuch mit einem Neubauprojekt für ein Mehrfamilienhaus ein. Das Neubauprojekt von Architekt Josef Cueni wurde allerdings vom Riehener Gemeinderat abgelehnt. Erst in einem zweiten Anlauf wurde dann noch im gleichen Jahr dem Gesuch stattgegeben. Dieser Entscheid ermöglichte – wohl in Unkenntnis der bauhistorischen Zusammenhänge – die einschneidende Fragmentierung des historischen Bauernhauses. Nur das letzte Drittel des ursprünglichen Gesamtbestands an der Nordseite blieb stehen, das längst unter der Adresse Krämergässchen 2 als eigenständiges Gebäude funktionierte. Der Abbruch durchtrennte die Gebäudestruktur entlang des quer durchs Haus verlaufenden Brandabschnitts. Dabei musste der zusätzliche Kellerraum unter dem Nachbarhaus abgebrochen und dessen Zugang vermauert werden. Der Neubau des um ein Geschoss höheren und zur Wendelinsgasse vorgerückten Mehrfamilienhauses verwandelte das übriggebliebene Haus Krämergässchen 2 in ein untergeordnetes Anhängsel. Das Haus blieb nicht nur äusserlich, sondern auch im Inneren in jeglicher Hinsicht äusserst bescheiden. Geheizt wurde mit einem Kachelofen, der noch heute an der rückwärtigen Zimmerwand neben der Türe zur Küche steht. Eine Zentralheizung gab es nie. In der Übergangszeit oder in besonders kalten Wintern diente der letzten Bewohnerin gelegentlich auch eine elektrische Heizdecke als Wärmespender, was vor rund zwanzig Jahren unglücklicherweise einen Kurzschluss verursachte und einen fatalen Brand zur Folge hatte. 


Die letzte Bewohnerin, Violette Broggi, wohnte bis zu ihrem Tod am Krämergässchen 2. Seit ein paar Jahren steht das Haus nun leer und versinkt vollends in einem Dornröschenschlaf. Eine Instandstellung und Renovation ist angesichts des prekären Bauzustands und der praktisch unbewohnbaren Raumdisposition kaum realistisch. Es wäre jedoch wünschenswert, dass gleichwohl Rücksicht auf die historische Bausubstanz genommen und zumindest eine Erinnerungsspur an das Taunerhaus erhalten wird.




Was vom ehemaligen Taunerhaus übrig blieb


Neben den schriftlichen Quellen ist das Gebäude selbst die wichtigste Quelle seiner speziellen Baugeschichte. An der linken Seite des Mehrfamilienhauses von 1960 hat sich das nördliche Drittel des ursprünglichen Bauernhauses als zweigeschossiges Gebäude erhalten, das zurückgesetzt vom benachbarten Neubau mit freistehendem Nordgiebel traufständig zur Gasse steht. Seitlich führt eine schmale Zufahrt zum rückwärtig gelegenen Hauseingang und zum Holzschopf, in dem im 20. Jahrhundert eine Wäscherei betrieben wurde. Gartenseitig steht an der Hausecke der Badezimmeranbau von 1949. Entlang der gesamten Rückseite befand sich zuvor bereits eine Schleppdacherweiterung, die den Aussenzugang zum Keller überdachte. Auch nach der Aufhebung des unter dem nachbarlichen Hausteil gelegenen Kellerabschnitts blieb dieser Zugang zum inzwischen vermauerten Kellereingang bestehen. Das gedrungene Obergeschoss ist mit kleinen, quadratischen Fenstern bestückt. Ein gleichartiges Fenster belichtet den Dachraum in der Giebelfassade. Die gemauerten Fassaden erstrecken sich bis auf die halbe Höhe des Obergeschosses, der obere Rest ist in Fachwerk ausgeführt. Das Satteldach ist mit Aufschieblingen über die Traufe geschleppt und mit Flachziegeln gedeckt. 


Nach eingehender Begutachtung der Gebäudestruktur im Innern zeigte sich eine erstaunliche Konstellation: Das nur sieben Meter breite Restgebäude setzt sich aus zwei historisch gewachsenen Teilen zusammen: Einem zum ursprünglichen Bauernhaus von 1550 gehörenden Teil gegen das Mehrfamilienhaus und einer um 1688 angefügten Erweiterung an der Nordseite. Beide Hausteile, deren Entstehungszeit dendrochronologisch ermittelt wurde, sind ungefähr gleich breit. Die gartenseitig später entstandenen Anbauten ersetzten vielleicht ehemals offene Lauben, die einerseits den Kellerabgang und andererseits die Treppe ins Obergeschoss überdeckten. Der ältere Hausteil lässt sich in der südlichen Hälfte des Gebäudes im rückwärtig angelegten Keller, der sich von der Rückseite bis zur Gebäudemitte erstreckt, und im eigenständig errichteten Dachwerk deutlich ablesen. Die nördliche Erweiterung ist am augenfälligsten im nachträglich angefügten Dachwerk bezeugt. 


Der 1976 versetzte Hauseingang im rückwärtigen Anbau erschliesst das Hausinnere von der Giebelseite her. Im Erdgeschoss finden sich vier Räume, wovon jeweils zwei zur Strassenseite und zwei zum Garten hin durch eine in der Mittelachse des Gebäudes verlaufende Querwand voneinander geschieden sind. Diese Trennwand durchzieht die ganze Haustiefe. Sie entspricht der ursprünglichen nördlichen Giebelfassade des alten Bauernhauses. Fragmente von deren Fachwerkgiebel finden sich im Obergeschoss und im Dachstock.


Der bestehende Keller umfasst nur den hinteren Teil der älteren Haushälfte. Ein weiterer Kellerraum, der in der Zeit, als das Bauernhaus noch nicht unterteilt war, mit dem bestehenden einen einheitlichen Raum in der gartenseitigen Haushälfte bildete, lag bis zum Neubau von 1960 im nachbarlichen Gebäude und wurde über ein Rundbogentor von der Gartenseite her erschlossen. Diese parzellenübergreifende Raumdisposition blieb auch nach der Hausteilung im 17. Jahrhundert erhalten. Sie ist im Brandlagerbuch von 1872 als eine Art Dienstbarkeit explizit aufgeführt. 


Auch das Obergeschoss wird über den rückwärtigen Anbau erschlossen. Es ist mit seiner geringen Raumhöhe für Wohnzwecke kaum zu gebrauchen. Die Kammern reihen sich entlang der durchgehenden Längsachse beidseits in unterschiedlichen Ausdehnungen. Sie sind an der Giebelseite wie auch zur Strasse hin mit je zwei kleinen Fenstern belichtet. Darüber sind die beiden Dachwerke nebeneinander abgebunden: Südlich der Rest des alten Bauernhauses von 1550 und nördlich daran ansetzend die Dachkonstruktion, die 1688 das noch heute gültige Bauvolumen des Krämergässchen 2 beschliesst. 




1 Vgl. die Grundlagen im Dossier Bauforschung der Kantonalen Denkmalpflege Basel-Stadt.


2 Vgl. Brigitta Kaufmann: Die Sprache der Jahrringe, in: z’Rieche 2012, S. 60–65.


3 Vgl. Stefan Suter: Wider den Fortschritt, in: z’Rieche 2012, S. 85–93. 


4 Für die Angaben zur jüngeren Bewohnerschaft danke ich dem Hauseigentümer Karl Schroth.


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