2015

50 Jahre Gegenseitige Hilfe Riehen Bettingen


Barbara Glättli-Dolanc




Am 19. Oktober 1965 gründeten beherzte Frauen aus dem Kornfeldquartier den Verein ‹Gegenseitige Hilfe›. Was einst als Nachbarschaftsaktion begann, ist heute ein komplexer Dienstleistungsbetrieb im Sozialbereich, der ein straffes Management erfordert. 




Als um das Jahr 1964 Pfarrer Theophil Hanhart von der reformierten Kornfeldkirche zur «tätigen Liebe» aufrief, stiess er auf viele offene Herzen. Doch wer hätte gedacht, dass sich aus der Quartier-Selbsthilfeaktion ein erfolgreicher Verein entwickeln und über fünfzig Jahre bestehen würde? Was steckt hinter den Leistungen und der Beliebtheit der ‹Gegenseitigen Hilfe Riehen Bettingen›?




Nächstenliebe und Bescheidenheit, Mut und Kraft


Sieben Frauen aus reformierten Kreisen gaben den Anstoss zur besseren Vernetzung und unkomplizierten Hilfe im Kornfeldquartier. Um finanzielle Beiträge der Gemeinde Riehen beantragen zu können, gründeten sie 1965 einen konfessionell neutralen Verein. 117 Frauen und 9 Männer bildeten den ersten Pool von unentgeltlich Helfenden. Mehr als vierhundert Frauen und Männer engagierten sich im Verlauf der letzten fünfzig Jahre.


Die erste Präsidentin, Erika Dazzi, besass offensichtlich Pioniergeist und Durchsetzungskraft. Bereits im ersten Jahr nach der Vereinsgründung, im August 1966, konnte sie zur Linderung der Not von Bedürftigen eine Fürsorgerin einstellen. Bei der Gemeinde Riehen hatte sie dafür eine Subvention von 25 000 Franken erwirkt: Fräulein Louise Bösiger erhielt ein Büro am Waltersgraben, ausgestattet mit gespendeten Möbeln und einer Schreibmaschine. 


Die freiwilligen Helferinnen und Helfer kümmerten sich zunächst um Hütedienst und Pflegeplätze für Kinder, Besuche bei Betagten, Flicken und Glätten für überforderte Mütter, gestrickte Socken, Fahrdienst und Beistandschaften. Bald kamen neue Aufgaben hinzu: Unterhaltung für Patientinnen und Patienten im Pflegeheim Moosrain und ein Telefonring, der Alleinlebenden etwas Sicherheit gab.


Erika Dazzi blieb 21 Jahre lang Präsidentin der Gegenseitigen Hilfe. 1986 übernahm Annetta Grisard das Präsidium. Sie sorgte dafür, dass die Sozialarbeiterinnen mit dem Computer zu arbeiten begannen – was nebst Überzeugungskraft auch eine Portion «List und Tücke» brauchte, wie sich Annetta Grisard erinnert. In dieser Zeit betraute die Gemeinde Riehen die Gegenseitige Hilfe mit weiteren Aufgaben – unter anderem mit dem Sozialdienst im Gemeindespital Riehen und mit der Siedlungsleitung in der Alterssiedlung Drei Brunnen. Auf privater Basis kam dann noch die Alterssiedlung Glögglihof dazu. Ende 1994 empfing der Verein ein Legat von der verstorbenen Maria Frey-Romer, wovon noch heute Bedürftige unterstützt und Freiwillige für ihre Arbeit belohnt werden.


Apropos Geld: Die sauber geführten Jahresabschlüsse der Kassen-Verantwortlichen zeigen, dass der Verein von Beginn weg grosse Beträge handhaben und sich auch um Geldanlagen und Zinserträge kümmern durfte. Der Leistungsauftrag der Gemeinde Riehen wird heute jährlich mit rund einer Viertelmillion Franken abgegolten.




New Public Management und Qualitäts-standards ziehen ein


1995 löste die studierte Juristin Kornelia Schultze Annetta Grisard als Präsidentin ab. Die Familienfrau, die noch nicht lange in Riehen wohnte, hatte Lust auf diese Herausforderung im gemeinnützigen Bereich, und diese Lust ist ihr bis heute geblieben. Kornelia Schultze erkannte bald, dass die Führung von Angestellten und freiwilligen Mitarbeitenden und die Verhandlungen mit den auftraggebenden Gemeinden Riehen und Bettingen professionelle Kompetenzen erforderten. Daher besuchte sie betriebswirtschaftliche Kurse und andere Weiterbildungsangebote. 


Waren die Mitarbeitenden der Gegenseitigen Hilfe zu Beginn noch völlig frei in der Ausgestaltung ihrer Tätigkeiten, mussten die angestellten Sozialarbeiterinnen Ende der 1990er-Jahre ein standardisiertes Qualitätsmanagement einführen, weil die Gemeinde Riehen ihre Verwaltung auf ‹New Public Management› umgestellt hatte. Die freiwillig Mitarbeitenden wurden immer besser unterstützt: Wer Rat braucht, kann sich an die Ressortleitung wenden. Jedes Jahr gibt es einen informativen Anlass, zum Beispiel eine Auffrischung über die aktuellen Verkehrsregeln, eine Sensibilisierung für die Sichtweise von Sehbehinderten oder nützliche Tipps für den Umgang mit psychisch geschwächten Menschen. Diese Bildungsnachmittage sind – ebenso wie der Besuch von Kulturveranstaltungen – ein Dankeschön für das Engagement der Freiwilligen. Die Anlässe stärken aber auch das Teamgefühl.




Dienstleistungen im Wandel der Zeit


Von langfristiger strategischer Planung will Kornelia Schultze nicht sprechen: «Wir haben uns immer dort engagiert, wo wir ein Bedürfnis erkannten.» Oder für Dienstleistungen, die die Gemeinde der Gegenseitigen Hilfe übertrug – etwa die Freiwilligen-Vermittlungsstelle ‹Benevol›. Immer beliebt war der Fahrdienst. Weniger gefragt ist zur Zeit der Besuchsdienst für Betagte, hier gibt es Konkurrenz von anderen Institutionen und Kirchen. Die Mittagsplatz-Vermittlung für Schülerinnen und Schüler oder der Kinderhütedienst ‹Schnipp-Schnapp› wurden mangels Nachfrage eingestellt. Hingegen bietet die Spielgruppe ‹Hampelmaa› nun Deutsch-Frühförderung für fremdsprachige Kinder an – ein sehr aktuelles Thema. Die beliebte Adventsfeier in der Kornfeldkirche löste die Weihnachtsfeier für Einsame und Bedürftige ab. Der Sozialdienst im Rauracherzentrum hat von Jahr zu Jahr mehr zu tun. Dies übrigens in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen der reformierten und der katholischen Kirche.


Heute zählt der Verein noch 44 aktive Mitglieder und 430 Passivmitglieder, die einen Jahresbeitrag von mindestens 20 Franken entrichten und von den Dienstleistungen der Gegenseitigen Hilfe profitieren dürfen. Die Verwaltung muss schlank und effizient sein. Sieben Mitglieder bilden den Vorstand und sind zugleich Ressortverantwortliche, darunter eine Frau, die sich um die Administration kümmert. Eine Mitarbeiterin leitet die Vermittlungs- und Beratungsstelle für Freiwilligenarbeit Benevol, eine weitere die Alterssiedlung Drei Brunnen, zwei ausgebildete Sozialarbeiterinnen sind für den Sozialdienst im Rauracher tätig und die Beratungsstelle in der Alterssiedlung Glögglihof.


Die Gegenseitige Hilfe stellt sich regelmässig an Quartierfesten und Dorfanlässen vor, etwa beim Apéro für Neuzuzüger – mit Erfolg, wie Kornelia Schultze feststellt: «Für sinnstiftende Dienstleistungen finden wir immer Menschen, die sich freiwillig engagieren.» Viele davon sind frisch Pensionierte. Doch auch Jüngere melden sich, die vielleicht nur zweimal pro Jahr einen Einsatz leisten möchten. Und Frauen aus fremden Kulturen, die ihre eigenen betagten Angehörigen vermissen und sich gern einer Ersatz-Tante oder eines ‹neuen› Grossvaters annehmen.


Nach zwanzig Jahren als Präsidentin blickt Kornelia Schultze optimistisch in die Zukunft: Die Gegenseitige Hilfe ist eine wichtige soziale Stütze für Riehen und Bettingen geworden. Ein paar Arbeitsprozesse könnten verbessert werden, Pensionskassen-Sorgen trüben bisweilen die Stimmung. Doch noch immer ist sie stolz darauf, wie unkompliziert der Vorstand handelt, wenn ein Schritt notwendig erscheint. Ein Markenzeichen der Gegenseitigen Hilfe ist eben der gesunde Menschenverstand.








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