2015

Riehen in der Lebensmittelkrise des Ersten Weltkriegs


Robert Labhardt




Der Erste Weltkrieg bescherte der Schweiz die grösste Ernährungskrise seit Bestehen des Bundesstaats. Sie machte bewusst, wie stark das Land von ausländischem Import abhängig geworden war. Auch in Riehen gab es Hunger.




Die angespannte Ernährungslage war zuerst beim Getreide zu spüren, das nach Kriegsbeginn 1914 schwieriger zu importieren war. In den Folgejahren verschärfte sich auch der Mangel an einheimischen landwirtschaftlichen Produkten: Milch, Käse, Butter, Fleisch und Kartoffeln. Vor allem in den Städten litten die ärmeren Bevölkerungsschichten an Unterernährung. Erst im Oktober 1917 reagierte der Bundesrat mit der Rationierung importabhängiger Lebensmittel und kurze Zeit später auch der eigenen landwirtschaftlichen Produktion. Die Massnahmen verwalteten gewissermassen die Not bis in die Nachkriegszeit hinein.




Was kam 1917 auf den Tisch?


Wie muss man sich die wöchentliche Ernährung im Sommer 1917 – kurz vor der Rationierung – in der breiten Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt vorstellen?1 


Ein junger Bandfärber, nur 153 cm gross und 53,3 Kilo schwer, nahm zum Frühstück Milch und Brot zu sich, nur sonntags auch einen Milchkaffee. Sein Mittagessen umfasste wöchentlich dreimal Fleisch (eher minderwer-tige Wurstwaren) mit jeweils ein oder zwei Gemüsen oder Teigwaren und einmal Suppe. Die übrigen vier Tage bestand das Menü aus Suppe oder Kakao, Mehlspeisen oder Gemüse. Einmal gab es gekochtes Obst und zweimal Gebäck. Nur dreimal pro Woche leistete sich der junge Bandfärber ein ‹Zvieri›: zum Beispiel Brot mit Schokolade oder Kirschkuchen. Abends gab es Milch und Kaffee, einmal Fleisch, sonst entweder Teigwaren, Mehlspeisen, Gebäck oder nur Brot.


Am anderen Ende des Spektrums der Arbeiterkost steht ein Tramführer, 36 Jahre alt, 175 cm gross und 90 Kilo schwer. Er genehmigte sich morgens zu Malzkaffee oder Kakao meist Brot, auch Maiskuchen, manchmal ergänzt mit Speck oder Käse. Dann täglich zwei Zwischenmahlzeiten aus Most, Brot und Fleischkäse oder Käse. Das Mittagsmenü umfasste sechsmal Suppe und fünfmal Fleisch, dazu Gemüse oder Käsesalat, und das Abendessen viermal Wurst, viermal Brot, dreimal Gemüse, dazu Milchkaffee oder Schwarztee mit Kümmel und Sacharin.


Ernährungsmedizinisch gesehen sorgten alle untersuchten Arbeiter 2 für eine ausreichende Eiweiss-Zufuhr mittels Fleisch, Milch und Brot. Aber die täglichen durchschnittlich 2740 Kalorien waren für manche auf die Dauer zu wenig. Man rechnete damals mit einem Tagesbedarf von 2900 bis 3300 Kalorien bei mittelschwerer Arbeit und bei Schwerarbeit bis 3800 Kalorien. 


Rationierung und Teuerung dramatisierten die Ernährungssituation ab Herbst 1917 noch. Das galt auch für Riehen mit seinen rund 3550 Einwohnern (Stand Februar 1919).3 Auch wenn davon 65 Familien mit total 451 Personen Selbstversorger waren – nur die Hälfte davon ganzjährig –, wird die tägliche Selbstversorgungskost nicht üppig und wohl eher einseitig gewesen sein. 227 Familien (950 Personen) galten wegen kriegsbedingter Armut als notstandsberechtigt, das heisst, sie konnten dank einer vom Bund lancierten und mit 10 Prozent von den Kantonen mitunterstützten Notstandsaktion Lebensmittel vergünstigt beziehen. Die Gemeinde hatte in Ernährungsfragen wenig eigenen Spielraum. Das 1917 eingerichtete und von August Strub geleitete Lebensmittelbüro war im Grunde nur eine Vollzugsstelle des bundesrätlichen Vollmachtregimes und hatte die zahlreichen Verordnungen umzusetzen, die der Bund über die Kantone an die Gemeinden übermittelte: Engros-Einkäufe, Bestandesauf-nahmen, Organisation der Rationierung, Mehranbau, Abgaben, Kontrollen. 


Ernährung unter den Bedingungen des Krieges – hier spielten drei Faktoren zusammen: die Politik der kriegführenden Mächte, die kriegswirtschaftlichen Massnahmen in der Schweiz und die Unterstützung bei Kriegsnot.




Im Würgegriff der kriegführenden Mächte


Die Kriegsmächte hatten seit 1915 die Schweiz mit einem Kontrollsystem überzogen, das verhindern sollte, dass Importware an den Feind weitergeliefert werden konnte. Der Bund hatte als Garantie dafür den Handel mit ausländischen Lebensmitteln wie Getreide, Reis, Mais und Zucker unter sein Monopol gestellt und beaufsichtigte deren Verteilung an die Kantone und Gemeinden. Immer wieder führte der Kriegsverlauf zu Engpässen und die Lebensmitteleinfuhr war unterbrochen, weil militärische Transporte das ausländische Schienennetz beanspruchten.


Ab Februar 1917 wuchs die Versorgungsunsicherheit für die Schweiz zur beängstigenden Lebensmittelkrise an. Damals erklärte das Deutsche Reich allen Schiffen den unbeschränkten U-Boot-Krieg, welche die Häfen der Entente ansteuerten. Das hatte den Kriegseintritt der USA, einem der wichtigsten Getreidelieferanten der Schweiz, zur Folge. Die Schweiz war nun vom Import über die bisher noch offenen Häfen von Marseille, Bordeaux, Le Havre und Genua praktisch abgeschnitten. Stufenweise sah sich der Bundesrat nun zur Rationierung von Lebensmitteln und Brennmaterial veranlasst.




Kriegswirtschaft in Riehen 


Der Bund verteilte den Kantonen die Monopolwaren nach Bevölkerungsdichte, Höhenlagen und Produktionsverhältnissen. Städte bekamen mehr als ländliche Gebiete. Riehen versuchte vergebens, beim Bund gleich hohe Kontingente wie die Stadt zu erhalten, und behielt den Status einer ländlichen Gemeinde. 1917 begannen die bundesrätlichen Verfügungen drastisch in die Ernährungsgewohnheiten der Menschen einzugreifen. Das betraf vor allem das Getreide. Die Schweiz war damals längst kein Selbstversorgerland mehr, sondern zu 85 Prozent seines Bedarfs von ausländischem Korn abhängig. Zunächst wurde lediglich die Verfütterung von Backmehl verboten, dann nur noch der Verkauf von zwei Tage altem Brot zugelassen und der Ausmahlungsgrad des Mehls nochmals um einige Prozent gesteigert. Am 5. September führte Riehen mit Hilfe der Lehrerschaft eine flächendeckende Erhebung der bestehenden Mehl- und Getreidevorräte in allen Haushalten durch. Einen Monat später geschah dasselbe für die Kartoffeln. Was zu viel gelagert war, wurde beschlagnahmt. Dann wurde den landwirtschaftlichen Betrieben ein bestimmtes Quantum Mehranbau verordnet, die Zeit der Aussaat festgelegt und die rechtzeitige Anschaffung von Saatgetreide durch die Gemeinde veranlasst. Ende September erhielt Riehen die eidgenössische Weisung, zusätzliche 35 Hektaren für den Anbau von Wintergetreide vorzubereiten. Das durfte unter keinen Umständen auf Kosten des Kartoffelanbaus gehen. Folglich musste Wiesland und anderweitige Bodenfläche verfügbar gemacht werden. Auf den 1. Oktober schliesslich erfolgte die Rationierung mit der Einführung der Brotkarte. Pro Kopf und Tag wurden durch der Brotkarte angeheftete Coupons zunächst 250 Gramm, ab Dezember 1918 noch 225 Gramm Brot zugestanden. Selbstversorger mussten aufgrund ihrer familiären Kopfzahl und der Anbaufläche ihren Selbstversorgungsgrad angeben. Im Januar 1918 wurden Selbstversorger, die nicht genügend Getreide ablieferten, mit dem vierfachen Wert des Fehlbetrags gebüsst. Schwerarbeiter hatten ein Recht auf Zusatzkarten. Aber auch hier wurde genau hingeschaut: Gärtner-, Schlosser- oder Spenglermeister, die selber nicht mehr voll Hand anlegten, verloren ihr Anrecht.


Die Brotstelle wurde dem Lebensmittelbüro angegliedert und hatte einen beträchtlichen Arbeitsanfall zu bewältigen. Ihr oblag die situationsgerechte Ausgabe von Brotkarten auf Teil-Selbstversorger, Schwerarbeiter, Notstandsberechtigte und die normalen Bezügerinnen und Bezüger. Hinzu kam die Unterbindung von Missbrauch: Wehrmänner mussten beim Einrücken ihre angebrauchten Brotkarten dem Kompaniekommandanten aushändigen, der sie wieder der Gemeinde zustellen sollte. Wegziehende oder zeitweilig Wegreisende mussten ihre Karten auf dem Büro deponieren.


Die schweizerische Landwirtschaft konnte die unzulängliche Einfuhr von aussen nirgends wettmachen. Bei den Kartoffeln zeigte sich 1918 herber Mangel. Es fehlte Riehen an Anbaufläche und Saatkartoffeln. Ausserdem unterhielten 290 Basler auf Gemeindegebiet, und sei es nur in Schrebergärten, eigene Kartoffeläcker, deren Ernte dem Riehener Kontingent entzogen war. Ein Gesuch der Gemeinde bei der Schweizerischen Zentralstelle für Kartoffelversorgung um Lieferung zusätzlicher 6 Tonnen Saatkartoffeln wurde abgelehnt: Es sei an den Kanton genug geliefert worden und der Mangel rühre daher, dass Saatkartoffeln teilweise als Speisekartoffeln konsumiert würden. Auch als einige Riehener Bauern auf dem Basler Markt Kartoffeln zum Wucherpreis von 50 Rappen pro Kilo verkauften, blieb die Reklamation der Gemeinde bei der Basler Lebensmittelfürsorge-Kommission erfolglos: Für die Marktbewilligung ihrer Bauern sei die Gemeinde zuständig. In der ganzen Schweiz machten die bäuerlichen Kartoffelproduzenten in den Mangeljahren 1917/18 den städtischen Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber eine schlechte Figur. Überall kam Eigennutz vor Gemeinnutz. Im Herbst 1918 erfolgte auch hier die Rationierung.


Milch, ursprünglich im Überfluss vorhanden, erlebte als zweitwichtigstes Lebensmittel neben Brot im kalten Frühjahr 1917 ebenfalls einen gewaltigen Produktionseinbruch: Es hatte dem Vieh an wertvollem Futter gefehlt, Weideland war in Anbauland verwandelt worden. Riehen hatte 40 Milchproduzenten. An die übrige Bevölkerung wurden mit der Rationierung täglich 4,8 Deziliter pro Kopf abgegeben. Wegen der weiteren Abnahme der Milchproduktion war ab Sommer 1918 keine Käsezulage für Schwerarbeiter und landwirtschaftlich Beschäftigte mehr möglich.




Bescheidene Nothilfe


Der Krieg erschütterte viele Familien in ihrer materiellen Existenz. Die Mobilmachung bedeutete für die Schweizer Soldaten oft Lohnausfall und Arbeitsplatzverlust. Die Riehener Familiengärtnerei Baumgartner beispielsweise musste zwei Söhne ins Militär ziehen lassen und ihr einziges Pferd wurde ebenfalls aufgeboten. Nun waren Gemüsetransporte auf den Basler Markt kaum mehr möglich. Und wie eine Hilfskraft bezahlen? Solche Notfälle erhielten eine bescheidene Wehrmännernotunterstützung. Damit liessen sich gerade die Lebensmittel berappen, vielleicht noch der Strom, nicht aber Mieten und weitere Unkosten. Bis weit in den Mittelstand hinein schuf der Krieg auf einen Schlag Fürsorgefälle. 


Im Krisenwinter 1917/18 konnten 88 Riehenerinnen und Riehener von der Volksküche in der Turnhalle an der Ochsengasse profitieren. Die jeweiligen Menüs wurden bei der Basler Volksküche per Tram abgeholt und in der Schulküche aufgewärmt. Das Basler Finanzdepartement erlaubte, die Speisegefässe unentgeltlich nach Riehen und zurück zu transportieren. Dem Begleiter aber mochte man aus Präzedenzgründen keine freie Fahrt zubilligen …


Ende 1919 konnte das Lebensmittelbüro endlich berichten, dass sich nun die Verhältnisse rasch besserten und nur noch Milch, Butter und Käse rationiert seien. Die Schweiz sollte aus der Kriegskrise lernen: Im Zweiten Weltkrieg wurde frühzeitig zur sogenannten Anbauschlacht aufgerufen und die Rationierung der Lebensmittel ab Kriegsbeginn stufenweise eingeführt. Ab Februar 1940 erhielten die Wehrmänner eine Erwerbsausfallentschädigung. Es gab keine Hungerkrise mehr.


1 Für die folgenden Angaben vgl. Joseph Kühne: Untersuchungen über die Kost der Basler Arbeiter unter dem Einfluss des Krieges, Diss. med. Fak. Universität Basel, Basel 1919.


2 Die zitierte Untersuchung bezieht sich nur auf männliche Arbeitskräfte. Überhaupt evozieren die Quellen eine fast ausschliesslich männliche Welt, obwohl beispielsweise in den Bauern-betrieben mancherorts die Frauen im Krieg die Hauptlast der Arbeit trugen.


3 Grundlage des Aufsatzes bilden hauptsächlich die Akten U1 bis U14 des Gemeindearchivs Riehen im Staatsarchiv Basel-Stadt, die Gemeinderatsprotokolle auf der Dokumenta-tionsstelle in Riehen sowie meine Publikation, vgl. Robert Labhardt: Krieg und Krise. Basel 1914–1918, Basel 2014.

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