2014

Spielend jung bleiben


Michèle Faller




Ältere Menschen brauchen zuweilen Unterstützung. Und sie haben oft Zeit übrig, um andere zu unterstützen. So kommt es, dass sich in der Freiwilligenarbeit nicht selten rüstige Alte um beinahe Gleichaltrige kümmern.


Auf der Bühne sitzen ein paar Seniorinnen und Seniorenin der Kulisse eines Strassencafés. Sie trinken Kräutertee, Kaffee oder ein ‹Zweierli›, tratschen und plaudern – und machen Sprüche über die ‹Alten›. Genau diese sitzen auch im Publikum. Ein interessantes Detail: Nicht nur die Bühnenfiguren, sondern auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sind nicht mehr die Jüngsten. Das Seniorentheater Riehen-Basel, soeben bei einer Szene seines ziemlich autobiografischen Stücks ‹Dr Silberdischtle-Club› beobachtet, bringt jährlich ein Lustspiel auf die Bühne. Gespielt wird für hochbetagte Menschen, denn die Theatergruppe zieht gemäss ihrem Vereinszweck von Altersheim zu Seniorennachmittag, um den Bewohnern dort den Alltag mit Komödiantischem zu versüssen. Frei nach dem Motto ‹Ehret das Alter› leisten noch rüstige Seniorinnen und Senioren soziales Engagement in Form von Unterhaltung.


Das Seniorentheater Riehen-Basel ist kein Sonderfall. Jede siebte ältere Person in Basel-Stadt geht einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach, wie eine flächendeckende kantonale Befragung von über 55-Jährigen ergab. Darunter sind verhältnismässig mehr in Riehen oder Bettingen Wohnhafte. Interessant ist auch das Alter der Engagierten: Personen zwischen 65 und 74 Jahren sind häufiger ehrenamtlich tätig als jüngere oder ältere.1


Mehr Zeit – und Solidarität

Diese Junggebliebenen, die sich um Gleichaltrige kümmern, sind in der Hochburg der Freiwilligenarbeit Riehen allenthalben anzutreffen. Zum Beispiel beim ‹Mittagsclub Riehen-Dorf› oder beim Fahrdienst des seit 1965 bestehenden Vereins ‹Gegenseitige Hilfe Riehen-Bettingen›. «Unsere Freiwilligen gehören selber alle zur Generation 60plus»2, sagt der Leiter des Fahrdiensts André Gilliard. Warum sich Ältere in ihrer Freizeit und ohne Lohn einsetzen, ist naheliegend: Im ‹dritten Alter› steht wieder mehr Zeit zur Verfügung. Warum sie sich für nur wenig Ältere einsetzen, liegt nicht sofort auf der Hand, könnte aber mit dem simplen Umstand zusammenhängen, dass sie sich ihrer Altersgruppe verbunden fühlen.


Das Seniorentheater Riehen-Basel wurde 1982 von Clara und Duri Plachesi als ‹Basler Seniorentheater› gegründet und nahm von Anfang an die Idee einer Spielerin auf, die bei der Vermittlungs- und Beratungsstelle für Freiwilligenarbeit ‹Benevol› engagiert war: nämlich in Altersheimen aufzutreten. Das berichtet Hans Stelzer, der seit der Gründung und bis vor acht Jahren als Regisseur und Bühnenbildner dabei war. Geprobt habe die Wanderbühne im Kindertages- und Altersheim Vincentianum in Basel. «Die Premiere fand traditionell dort für die Schwestern statt; als kleine Anerkennung für das Gastrecht.» Nebst der Altersheim-Tournee trat die Truppe auch auf der ‹Baseldytsche Bihni› auf. Da die in den Altersheimen übliche Spieldauer zu kurz fürs ‹richtige› Theater war, seien oft parallel zwei Stücke einstudiert worden. Mit der Zeit wurde der Aufwand aber zu gross und es war keine Frage, auf welcher Schiene man weiterfahren wollte. «Für die Spieler war es zwar ein Zückerchen, vor 100 Leuten aufzutreten», räumt Stelzer ein. Doch das Hauptziel seien immer die Altersheime gewesen. «Da kamen 90-jährige Frauen sorgfältig geschminkt und parfümiert, wenn Theater angesagt war. Dieses Feedback wog alles auf.»


Vor zehn Jahren suchte der Verein nach einer anderen Bleibe und fand unter dem neuen Namen ‹Seniorentheater Riehen-Basel› im Riehener Haus der Vereine Unterschlupf. Dort finden nach der Tour mit 24 Aufführungen sieben Zusatzvorstellungen statt, die praktisch alle bereits Wochen vorher ausverkauft sind. «Das überrascht mich jedes Jahr wieder», strahlt die Präsidentin Rosmarie Mayer-Hirt. Sie betont aber auch, dass damit die obere Grenze erreicht sei. «Es ist ein grosses zeitliches Engagement für die Mitglieder und viel Arbeit, auch körperliche.» Diese sind nicht nur Schauspieler, sondern auch Bühnenarbeiterinnen und Kulissenschieber. «Vier bis fünf Kilometer legt eine Person pro Theaterabend zurück. Das haben wir gemessen!», sagt Rosmarie Mayer-Hirt mit Nachdruck und schliesst in ihr Lob alle hinter den Kulissen Wirkenden von der Souffleuse über die Regieassistentin bis zum hochbegabten Bühnenbildmaler ein. «Und unser Bühnenmeister Giulio Pini – mit 89 unser ältestes Mitglied, das jüngste ist 54 – der bis vor acht Jahren noch mitspielte, fertigt in kürzester Zeit alles jeweils Benötigte an.»


«Es hält jung, auch im Kopf, und tut der Seele gut», fasst die Präsidentin das Schöne an ihrem Hobby zusammen und spricht die oft etwas versteckten oder verzögerten Reaktionen der Betagten an, die dann aber umso lustiger und wohltuender seien. Und auch wenn das Theaterspielen nicht direkt jünger mache: «Auf der Bühne haben wir nicht das Gefühl, wir seien die Alten.» Das Highlight der Seniorentheater-Historie sei der ‹Schappo›-Förderpreis für Engagement im Alltag, der dem Ensemble 2011 verliehen wurde. Rosmarie Mayer-Hirts Strahlen weicht einem nachdenklichen Blick: «Ich glaube schon, dass wir ihn verdient haben.»


Ausdruckstanz und ‹Käffeli›

Es gibt also Ältere, die sich für andere Ältere einsetzen. «Und dann gibt es noch die Uralten!», lacht Hildy Hefti. Seit 35 Jahren arbeitet die 93-Jährige im Alters- und Pflegeheim Humanitas. Die gelernte Bankkauffrau, die sich aber im Ausdruckstanz verwirklicht hat – ein paar Lektionen bei Mary Wigmann inklusive – gab dort zunächst Altersgymnastik. «Mit Musik und kleinen Choreografien», erklärt die alte Dame ihren eigenen Zugang. Auf Anregung eines Arztes kam einmal wöchentlich eine Art ‹Plaudervortrag› zu Themen von Literatur bis Archäologie hinzu.


Das Altersturnen fiel nach ein paar Jahren weg, der ehrenamtliche Seniorennachmittag ist aber bis heute geblieben, hat sich allerdings aufgrund der viel älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmer – die meisten aber jünger als die Leiterin – gewandelt. «Man muss sie so nehmen, wie sie sind», lautet das einfache Rezept Hildy Heftis. Oft frage sie nach einem Wunschreiseziel, erzähle dann etwas von Spanien, Griechenland oder Wien, spiele eine passende Melodie ab und tanze den Leuten etwas vor. «Dann freuen sie sich», sagt Hildy Hefti mit ebenfalls spürbarer Freude. «Wenn du nur einem Menschen ein Lächeln in die Augen zauberst, hat es sich gelohnt!»


Von den über 60 Freiwilligen im Pflegeheim Wendelin arbeiten gut 20 ältere Damen und Herren in der Cafeteria. «Ein ‹Käffeli› war schon im Heimkonzept vorgesehen», sagt Manfred Baumgartner, der seit der Eröffnung 1988 gemeinsam mit seiner Frau Kathrin das Pflegeheim bis 2007 leitete. «Der Frauenverein gab den Anstoss, der bereits 1985 gegründete Förderverein Wendelin engagierte sich auch sehr für das Projekt, es sprach sich herum und bald hatte man einen Stamm von Frauen, die das ‹Käffeli› sorgfältig führten und Kontakte zu den Heimbewohnerinnen pflegten.» Oft seien Angehörige derselben zum Team gestossen. Auch Frauen, die ihren Mann verloren hatten und mit dem Engagement der eigenen Einsamkeit entgegenwirkten.


Die grosse Bedeutung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigt sich in der Einschätzung des ehemaligen Heimleiters: «Für mich sind sie das diplomatische Corps.» Sie seien vernetzt mit Dorf und Vereinen und wirkten als verbindendes Element zum Pflegeheim. Im Gegenzug wird dieses wichtige ‹Corps› zu Heimanlässen eingeladen und jährlich auf einem Tagesausflug verwöhnt. Dahinter steht die Wertschätzung, die zugleich Ansporn und Ertrag aller Freiwilligenarbeit ist. Etwas leiser zwar, ist sie doch gleichbedeutend mit dem Applaus für die junggebliebenen Alten des Seniorentheaters, die das komplexe Thema spielend auf die Bühne bringen.


1 Statistisches Amt des Kantons Basel-Stadt: Schlussbericht Befragung 55plus 2011, Basel 2012.

2 Maja Hartmann: Rendez-vous mit André Gilliard, in: Riehener Zeitung, 17.4.2014.



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