2014

Alt sein in Csikszereda, Rumänien


Rolf Kunz




Einsamkeit und Armut waren bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eng mit dem Alter verbunden. In Rumänien ist dies noch heute so. Eine Riehener Reisegruppe hat bei einem Besuch der rumänischen Partnerstadt Csikszereda und des dortigen Tagesheims für Betagte Eindrücke gesammelt.


Im Mai dieses Jahres unternahmen wir, elf Mitglieder des Vereins PRO CSIK (Riehen hilft Rumänien), alle über 60 Jahre alt, eine achttägige Rundreise durch Siebenbürgen. Neben der Besichtigung vieler Kulturdenkmäler, die wir sehr genossen, besuchten wir selbstverständlich auch unsere Partnerstadt Csikszereda. Das ist der ungarische Name von Riehens zweisprachiger Partnerstadt in Rumänien, die auf rumänisch Miercurea Ciuc heisst. Dabei lernten wir auch die sozialen Einrichtungen des unterstützten lokalen Vereins ‹Asociatia Riehen› kennen. Besonders gespannt waren wir auf das Tagesheim für Betagte. Denn dort trafen wir Menschen, die nur wenig älter sind als wir selbst. Die Frage, wie man im Alter in Csikszereda lebt, interessierte uns besonders.


Das Tagesheim der ‹Asociatia Riehen› ist das einzige Tagesheim für Betagte in der Stadt mit einem vollständigen Angebot: Transport, Aktivitäten, Betreuung, Mahlzeiten. Dabei hat Csikszereda doppelt so viele Einwohnerinnen und Einwohner wie Riehen! Damit mehr Betagte dieses Angebot nutzen können, wechseln sich zwei Gruppen wochenweise ab.


Bei unserer Ankunft im ‹Seniorenclub Providentia› wurden wir herzlich mit Gesang und Rezitationen begrüsst. Die beiden Sozialarbeiterinnen übersetzten das anschliessende Gespräch, bei dem wir uns über die Lebensumstände im Pensionsalter austauschten. Sie fassten die Antworten der Betagten auch für das ‹Riehener Jahrbuch› zusammen. Zudem führten sie mit einem typischen Vertreter dieser Altersgruppe ein Interview mit unseren Fragen.


In den Augen der Betagten im Tagesheim in Csikszereda nimmt die Gesellschaft viel zu wenig Rücksicht auf die ältere Generation. Ihr Einkommen deckt meistens nur die Grundkosten. Es liegt bei den meisten zwischen 550 und 600 Lei pro Monat (152 bis 166 Franken). Dies entspricht dem Existenzminimum in Rumänien und ist kaum genug zum Überleben. Deshalb gibt es nur wenige Betagte, die den Tag geniessen, Reisen machen oder etwas Gutes einkaufen können. Ein schlechter Gesundheitszustand stellt ein weiteres Problem dar. Die Krankenversicherung deckt längst nicht alle Behandlungskosten und Medikamente. Deshalb leiden die Betagten oft. Und sie sind oft allein, selbst wenn sie Kinder und Grosskinder haben. Die Jungen haben ebenfalls Probleme und finden selten Zeit für ihre älteren Angehörigen. Entsprechend dankbar sind die Betagten, die im Tagesheim aufgenommen wurden und dieses Angebot nutzen dürfen. «Wir fühlen uns besser und vergessen hier unsere Probleme. Es ist schön, Teil einer Gemeinschaft zu sein, mit anderen zu sprechen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen», drücken sie es im Gespräch mit uns aus.


Nach diesen Erkenntnissen und Begegnungen kehrten wir wohlbehalten in die Schweiz zurück. Wir sind zutiefst dankbar, hier leben zu dürfen. Für die alten Menschen in Csikszereda hoffen wir, dass die rumänische Gesellschaft in naher Zukunft fähig sein wird, den Betagten die Unterstützung, Hilfe und Betreuung zu gewähren, die sie dringend brauchen.


Interview mit Zoltan*
76 Jahre alt, ledig, keine Kinder, ein Bruder, der in der Stadt lebt.


PRO CSIK: Gibt es Dinge, die Ihnen Sorgen bereiten?

Zoltan: Ich sorge mich wegen meiner angeschlagenen Gesundheit. Ich störe die anderen im Tagesheim dauernd. Ich fühle mich schwach und kann keine aktive Rolle im Programm wahrnehmen. Gott sei’s gedankt: Ich habe gute Kollegen im Tagesheim, sie sind sehr sympathisch, wir sind wie Brüder.


Gibt es Dinge, die Ihnen besonders Freude machen?

Ich bin glücklich, wenn ich aufwache und wenn ich hier bin.


Was haben Sie gearbeitet?

Zuerst war ich Magaziner in einer Baufirma und dann arbeitete ich in einer Schlosserwerkstatt. Nach der Pensionierung bekam ich Probleme mit der Beweglichkeit [Rückenprobleme].


Welche Kontakte pflegen Sie?

Mein Bruder besucht mich einmal wöchentlich, aber mit den Nachbarn habe ich keinen Kontakt. Ich bin sehr glücklich, wenn jemand zu Besuch kommt. Aber das ist leider selten der Fall. 


Gehen Sie oft aus dem Haus und wenn ja, wohin?

Wenn ich nicht vom Transportdienst des Tagesheims abgeholt werde, kann ich keinen Schritt vor die Türe machen.


Haben Sie genug Geld zum Leben?

Es ist nicht genug. Zum Glück hilft mir mein Bruder. Er bezahlt meine Stromkosten.


Wie gross ist Ihre Rente?

Meine monatliche Rente beträgt 612 Lei. Das ist alles.


Was bedeutet Ihnen das Tagesheim?
Ich fühle mich hier besser. Die Zeit vergeht schneller zusammen mit den Kollegen. Am besten gefallen mir die Spaziergänge in der Natur und die gemeinsamen Ausflüge.


Was gefällt Ihnen nicht oder was möchten Sie ändern?

Ich möchte mich gern öfter mit meinen Kollegen treffen, auch wenn wir nicht ins Tagesheim kommen. Ich möchte sehr gern auch in der freien Woche und in den Ferien hier essen, weil ich nicht kochen kann und das Essen von den Kantinen sehr teuer ist.


*Name geändert.

Zoltans Monatsbudget 

(Zusammenstellung der Sozialarbeiterinnen)

  Lei Franken
Einnahmen:    
Rente 612 170
     
Ausgaben:    
Wohnen** 250 69
Essen 255 71
Medikamente 90 25
     
Total 595 165

 












** Die Stromrechnung bezahlt der Bruder direkt.
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