2013

Was bleibt vom Bosenhaldenweg


Michael Oliver Raith




Auf der Bosenhalde, einem kleinen Hügel im Nordosten Riehens, entsteht die Siedlung ‹Classic Riehen›. Dieses Grossbauprojekt veranlasst den Autor, eine Zeitreise zurück an den Ort seiner Kindheit anzutreten.


Schon die neue Zonenverordnung erregt die Gemüter, es kommt zu einem Referendum, das bei der Abstimmung knapp scheitert. Anhand dieser neuen Verordnung werden nun Bauvorhaben geplant, so auch ‹Classic Riehen›, ein grosszügiges Neubauprojekt zwischen Bosenhalden- und Steingrubenweg. Nach der Publikation der Baueingabe werden rund 30 Einsprachen eingereicht und Leserbriefe verfasst, die Lokalmedien berichten. Die meisten Einsprachen stammen von direkten Anwohnern der Parzelle: Man bemängelt die Dichte des Neubauprojekts, die Höhe der Häuser, den Umgang mit dem Baumbestand oder die erwartete Veränderung des Lebensraums. Die Gemeinde richtet einen Runden Tisch ein, man bemüht sich, die Vorbehalte abzubauen, prüft die Einsprachen und nimmt Anpassungen vor. ‹Classic Riehen› wird am Ende des Verfahrens bewilligt.


Das ‹Verdichtete Bauen› bringt einen Paradigmenwechsel mit sich: Wo früher einzelne Familien in grosszügigen, mit ebensolchen Grünflächen umgebenen Villen lebten, sind nun insgesamt 70 Wohnungen geplant, verteilt auf neun Häuser, dazu zwei Einstellhallen und ein oberirdischer Parkplatz. Gesamtvolumen des Vorhabens: 30 Millionen Franken. Die idyllische Abgeschiedenheit dieses Gebiets macht Neuem Platz. Eine grosse Fläche fast unverbauter Natur verschwindet – auch wenn einzelne Bäume stehen gelassen und in die neue Anlage integriert werden. 

1980 gab es nur eine aus drei Häusern bestehende Mehrfamiliensiedlung in diesem Gebiet, dort bin ich gross geworden.


Es war einmal ein Paradies

Nach dem Bäumleinweg, dort, wo sich die Inzlingerstrasse zu einem Hohlweg verengt und an den Seiten Bäume wachsen, welche die Strasse bogenförmig nach oben abschliessen, geht der Bosenhaldenweg in spitzem Winkel nach links ab. An dieser Stelle steht die ehemalige Brennerei von Hans Augenstein, ein einfaches kleines Haus, dazu einige Baracken. Oft ist er zusammen mit seiner Frau Heidy im Garten anzutreffen. Obwohl diese Parzelle offiziell zur Inzlingerstrasse gehört, bildet sie für mich den Eingang zu dieser etwas verborgenen, paradiesischen Welt meiner Kindheit.


Begrüsst werde ich meistens von Peggy, dem Berner Sennenhund und treuen Begleiter der Augensteins. Er wartet auf mich, wenn ich aus dem Kindergarten nach Hause komme. Dann lehnt er sich mit seinem ganzen Gewicht an die Maschen des Zauns – der deswegen auf der ganzen Länge ausgebuchtet ist – und lässt sich kraulen. Nach der Brennerei wird der Weg steiler. Wenn es stark regnet, läuft das Wasser wie ein über die Ufer getretener Bach die Strasse hinab.


Etwa bei der ersten Kurve stösst man auf ein von Dornengestrüpp umwachsenes, rostiges Gartentor, dahinter kann man eine verwunschene Treppe ausmachen. Sie führt hinauf zu einem Anwesen mit einem grosszügigen weissen Haus und einem Park darum herum. Zurzeit lebt lediglich die freundliche alte Frau Nussberger darin, doch als meine Grossmutter ein Kind war, hatte sie ebenfalls ein paar Jahre darin gewohnt. Damals war es noch ein Mietshaus für drei Familien. Aus dieser Zeit gibt es ein Foto, auf dem sie und ihre Schwester am Fuss des Bosenhaldenwegs stehen. Er erscheint einem beinahe unverändert, auch wenn die Strassen inzwischen asphaltiert wurden.


Gegenüber der Einfahrt zu dieser Villa, neben der riesigen Föhre, befindet sich ein einfaches graues Einfamilienhäuschen mit etwas Umschwung. Es stand schon, als meine Grossmutter hier gewohnt hatte, damals noch von der Familie Büchi belebt, einem Ehepaar mit einer Tochter und drei Söhnen. Nun ist es seit Längerem unbewohnt, doch der Garten wird weiter von einem der drei Söhne gepflegt. Regelmässig kommt er mit seiner Frau, um nach dem Rechten zu sehen.


Noch ein paar wenige Meter und man kann mein Zuhause sehen. Sonst gibt es nur Wiesen, viele Bäume und verstreut einige Einfamilienhäuser und Villen. Ein kleines Paradies für uns Kinder, die hier aufwachsen. Wir sind acht, manchmal zehn und können uns draussen noch austoben. Wir spielen Verstecken oder gehen auf Erkundungstouren. Die Autos, die an einem Tag hier hochfahren, kann man an einer Hand abzählen. Unser Aktionsradius reicht vom Areal der Siedlung den Bosenhaldenweg hoch bis hinein in die Apfelmatte. Ungeachtet des Verbots unserer Eltern, fahren wir manchmal mit unseren Velos, Dreirädern oder sonstigen Vehikeln vom oben gelegenen Kehrplatz hinunter, vorbei an der etwas versteckten Frey-Villa, der dichtgewachsenen Hecke, vorbei am Gartenpavillon und dem gegenüberliegenden kleinen Parkplatz, hinein in den Innenhof der Siedlung, die unser Hauswart immer liebevoll als ‹Bosenhaldenweg-Park› bezeichnet.


Ein erster Eingriff

An einem Frühlingstag Anfang der 1980er-Jahre werde ich vom Lärm schwerer Maschinen geweckt. Ich wandle schlaftrunken zum Fenster und ziehe den Rollladen hoch. Eigentlich ist es ein schöner Ausblick: hinten der Tüllinger Hügel, davor eine Matte mit drei Kirschbäumen. Doch nun sind das Gras und die Blumen plattgedrückt, der Boden von Baufahrzeugen durchpflügt. Ein Bagger ist gerade dabei, den ersten der Kirschbäume umzulegen, krachend fällt er in sich zusammen. Die grossen Reifen pflügen tiefe Furchen in den Boden, dann setzt die Schaufel beim nächsten Baum an. Mir wird schlagartig bewusst, dass mein kleines Paradies bedroht ist.


1997 ziehe ich nach Basel, doch wenn ich zurückkehre, finde ich den Bosenhaldenweg beinahe unverändert vor. Bis das Haus der Augensteins abgebrochen und der geteerte Weg 2004 zur modernen Strasse ausgebaut wird. Sein vertrauter Charakter geht dabei für immer verloren: Anstelle des spitzen Winkels beschreibt er nun einen Bogen, der beinahe rechtwinklig in die Inzlingerstrasse mündet. Ich bezweifle, dass ich mich jemals an dieses Bild gewöhnen werde. 


Am oberen Ende des Bosenhaldenwegs bleibt die Zeit noch etwas länger stehen. Die Frey-Villa beim Wendeplatz trotzt dem Wandel, romantisch umhüllen Efeu und Glyzinien das lange Zeit leer stehende Haus, der Garten verwildert zu einem Dickicht. Man könnte den Eindruck erhalten, dass sich die Natur ein Stück zurückerobert hat. Doch auch dieses Bild ist vergänglich: Die Villa musste zu Beginn dieses Jahres dem Projekt ‹Classic Riehen› weichen.


Von der ‹Oberklasse› zu ‹Classic›

Während ich mir an einem Sonntag im Frühling 2013 die Baustelle am Bosenhaldenweg aus der Nähe ansehe, kommt ein kleines Mädchen herbeigerannt. Es lacht mich an, plappert fröhlich etwas Unverständliches und führt mich zu seiner Mutter, die sich gleich dafür entschuldigt, dass die Tochter immer wieder ausbüxt. Wenn das Kind älter ist, wird es hoffentlich Freundinnen und Spielkameraden finden, die in die neue Überbauung eingezogen sind, doch wird es kaum mehr die Namen aller Nachbarn kennen, wie wir das früher noch konnten.


Bereits seit den 1970er-Jahren bestanden Pläne, das Areal Hungerbachhalde zwischen Steingrubenweg, Hohlweg und Bosenhaldenweglein zu bebauen. Die Bäume auf der sogenannten ‹Apfelmatte› beim Wendeplatz sind längst gefällt – und doch wurde noch nicht mit den Bauarbeiten begonnen. Das ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Stück Land der Zonenverordnung entsprechend überbaut wird.


Bestimmt gibt es Orte in Riehen, die schützenswerter sind als die Parzellen zwischen Steingruben- und Bosenhaldenweg. Trotzdem werden mir die Wiese mit den Bäumen, die Villa mit dem Pavillon und die Apfelmatte fehlen. Es verschwindet ein weiteres Stück des Vertrauten: Der Bosenhaldenweg wurde endgültig in die Gegenwart katapultiert. Nur das graue Häuschen steht wie vor 30 Jahren unbewohnt an seiner Stelle. Und obwohl es einen renovationsbedürftigen Eindruck macht, hat es bis jetzt allen Veränderungen standgehalten.


Was bleibt
Wenn ich früher danach gefragt wurde, wo ich denn wohne, konnten die wenigsten auf Anhieb etwas mit der Antwort anfangen. Deshalb folgte dem Strassennamen meist eine kleine Beschreibung: «Das ist bei der Inzlingerstrasse, etwas weiter oben, wo die Strasse enger wird und die Bäume bogenförmig darüber wachsen, da geht links ein steiler Weg hoch, da wohnen wir.» In der Zwischenzeit hat sich das geändert, auch der Name des einst so versteckten Fleckchens ist heute vielen Menschen in Riehen und Umgebung vertraut.


Immer, wenn ich dahin zurückkehre, sind mir die Eingriffe der letzten Jahre aufgefallen, doch das aktuelle Bauprojekt eröffnet diesbezüglich ganz neue Dimensionen: Noch nie konnte man von meinem ehemaligen Zuhause das Schulhaus Hinter Gärten sehen. Jetzt gibt es – abgesehen von einigen stehen gelassenen Bäumen – nichts mehr, was die Sicht hindern würde. Unwirklich nahe erscheint mir der Steingrubenweg, als ob nicht nur die Häuser fehlen würden, die man für das Bauprojekt geopfert hat, sondern auch ein Stück der einstigen Entfernung.


Diese Veränderungen sind möglicherweise so schmerzlich, weil sich mein inneres Bild nicht mehr mit der Realität deckt – und weil sie mich unweigerlich darauf hinweisen, dass ich selbst auch nicht mehr das Kind bin, das diese Erinnerungen aufgezeichnet hat. Doch eröffnen sie für die nächsten Generationen neue Perspektiven. An der Stelle, auf der das Mehrfamilienhaus meiner Kindheit errichtet worden war, hatte es ja früher auch einmal nur eine Villa gegeben.


Es verschwinden die Menschen, die traute Umgebung, doch die Bilder von früher behält man im Herzen und nimmt sie mit in die Zukunft. Mag sich noch so vieles verändern – auch wenn das letzte Stück Land bebaut sein wird, bleibt der Bosenhaldenweg für mich das Paradies meiner Kindheit – und nichts und niemand kann etwas daran ändern.


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