2013

Eine Frau, ein Haus und viel Arbeit


Martina Desax




Pia Horisberger packt an. Die junge Malerin mit eigenem Betrieb in Riehen ist sich gewohnt, in die Hosen zu steigen. Was sie mit der Renovation von ihrem ‹Haus am Schlipf› in Riehen geleistet hat, geht allerdings weit über normales Engagement hinaus.


Auf Pia Horisbergers Zeitungsannonce mit dem Kaufwunsch nach Grund und Boden hat sich im Jahr 2010 Herr Pöhler, der Besitzer des heruntergekommenen ‹Hauses am Schlipf› in Riehen gemeldet. Er wollte das baufällige Gebäudeensemble und das dazugehörige Land verkaufen und nach Österreich – in sein Heimatland – zurückkehren. Die junge Malermeisterin hat zunächst nicht daran geglaubt, dass ihr Traum wahr werden könnte: ein ländliches Grundstück zu besitzen mit genügend Raum für sich, für ihre Mutter, die Hunde, Pferde, Geissen, Hühner – und das nicht irgendwo im Nichts, sondern in Stadtnähe. Doch schon bald wurde der Kaufvertrag unterzeichnet und die 2,5 Hektaren Fläche wechselten den Besitzer.


Bewegte Geschichte

Das ‹Haus am Schlipf› ist nicht irgendein Haus. Es dürfte bereits um 1700 als grosszügig konzipiertes, zweigeschossiges Rebhaus erbaut worden sein. Die Lage ist speziell: Etwas oberhalb von Weilmühleteich und Wiese, am Fuss des Rebhügels Schlipf am Tüllinger Hügel, liegt das Haus direkt an der deutschen Grenze, das Grundstück sogar grösstenteils auf deutschem Staatsgebiet. Früher war das Haus das einzige Gebäude diesseits der Wiese: Zu häufig rutschte nach längerem Regen der Hang. Auch war die Wiese bis zu einer Korrektur Ende des 19. Jahrhunderts ein eher unberechenbarer Fluss, der immer wieder Hochwasser führte und das Rebgut vom Dorf Riehen trennte.


Wer das Haus ursprünglich gebaut hat und wann, ist nicht bekannt. Noch heute aber ist der Zugangsweg nach einem früheren Besitzer – Johann Heinrich Eglinger-Battier (1726–1802), Pfarrer zu St. Theodor in Basel – Eglingerweg benannt. Auf Eglinger folgten Bewohner mit unterschiedlichen Berufen, so belegen Quellen einen Wirt, Ratsherren, Schneider und einen Schreiner. Die verschiedenen Bewohner veränderten das Haus nach ihren Bedürfnissen: Trotte, «Kellerlin», Schopf, Waschhaus, Schweinestall und Hühnerhof kamen über die Jahrhunderte hinzu und natürlich wurde auch im Wohnhaus selber immer wieder gewerkelt.


Ursprünglich ragte der Mittelteil des Daches hoch auf. Erst nach seiner Entfernung und nach weiteren tief greifenden Umbauten in den Jahren 1904/05 durch Frau Schreck-Müry nahm das Haus in etwa seine heutige Gestalt an. Bevor Pia Horisberger zum Zug kam, wurde das damals relativ neue Ökonomiegebäude 1915 um einen Anbau nach hinten verlängert, wie Pläne von Otto Wenk und Wilhelm Bernoulli-Vischer belegen. Das Wohnhaus veränderte seine Gestalt ein letztes Mal, als Baumeister Gustav Bohny ihm 1914 ein neues, hinten angehobenes Satteldach aufsetzte, unter dem zunächst eine Kammer und ein Dachraum lagen. 1936 wurden diese hinteren Räume zu Zimmern ausgebaut, die über eine Schleppgaube beleuchtet wurden.


Heute gilt das ‹Haus am Schlipf› als bedeutendes Beispiel für den Rebhausbau in Riehen – und ist in seinem Gebiet das älteste und einzig erhaltene seiner Art. Dies obwohl der innere Zustand des Hauses – und seine Schutzwürdigkeit – unter dem Vorbesitzer Horisbergers von der Denkmalpflege Basel-Stadt nie genau festgehalten werden konnte: Anstatt mit freundlicher Gelassenheit wurden die Behördenvertreter laut der heutigen Besitzerin jeweils mit einer Ladung Schrot begrüsst. So fanden während Herrn Pöhlers Eigentümerschaft über Jahrzehnte hinweg wohl verschiedene Umbauten statt, die nicht immer im Sinn der Substanzerhaltung waren. Trotzdem lebten am Schluss drei Generationen Pöhler auf engstem Raum nur in den vorderen Bereichen des Hauses. Das Hausinnere war beim Kauf durch Pia Horisberger stark heruntergekommen, eine Heizung gab es nicht und die Wände waren nicht isoliert.


Etappenziele

Um dies zu ändern, arbeitete Pia Horisberger neben der Tätigkeit im eigenen Malergeschäft seit dem Kauf im April 2010 beständig an der Renovation ihres ‹Hauses am Schlipf›. Die Grundrisse entwarf die junge Frau im eigenen Kopf, die Pläne erstellte ihre Mutter, die gelernte Grabungszeichnerin Ines Horisberger, nach den Ideen der Tochter. Damit das Haus neu zwei Wohnungen aufnehmen darf, musste für die Baueingabe der Nachweis erbracht werden, dass bereits bis anhin zwei Parteien darin gelebt hatten. Diese Hürde wurde argumentativ über die Anzahl der vorgängigen Bewohner genommen, das Gesuch beim ersten Mal dennoch abgelehnt: Pia Horisberger hatte vergessen, die Pläne zu unterschreiben.


In einer ersten Bauphase wurden die Relikte der Familie Pöhler beseitigt, die Fassade und das Dach renoviert. Um sich selber zu motivieren, setzte sich Pia Horisberger immer Etappenziele: Feste, Geburtstage, Jahreswechsel – egal was, sie trieb sich anhand der Fixdaten an, verschiedene Abschnitte ihres Wohntraums im Alleingang fertigzustellen. So waren zwar die neuen Kamine eigenhändig gebaut, das Dach isoliert und neu eingedeckt, die Fassade verputzt und gestrichen – aber der Gerüstbauer kam am Tag vor dem «Gerüst-weg-Fest» nicht vorbei, um sein Material zu demontieren. Gefeiert wurde trotzdem.


Auch die Fertigstellung von Küche, Fenstern und Haustüren war an fixe Daten gekoppelt: Geburtstage, das fünfjährige Firmenjubiläum – meist klappte alles knapp termingerecht. So wurde das Schlafzimmer rechtzeitig zum Jahreswechsel 2012/13 fertig, bei den letzten Handgriffen an der zweiten Pferdebox musste das von der Schwester auf den Termin gelieferte Tier allerdings noch zuschauen.


Seit dem Einzug in die Baustelle im Februar 2012 arbeitet Pia Horisberger nach Feierabend an ihrer eigenen Wohnung. Am Wochenende helfen Freunde, nur für die Elektro- und Sanitärarbeiten wurden Fachleute beigezogen. Der Ausbau bleibt einfach und solide; Bad und Küchen sind an die neue Zentralheizung angeschlossen, sonst wird mit Holz geheizt und das Wasser stammt von der Quelle hinter dem Haus.


Erfüllter Wohntraum

Von der Denkmalpflege waren keine besonderen Auflagen einzuhalten. Aufgrund mangelnder Informationen war diese nur am Äusseren interessiert. So wohnt nun Mutter Horisberger auf 120 Quadratmetern im Parterre des ursprünglichen Rebhauses, die Tochter auf drei Etagen mit 260 Quadratmetern im ehemaligen Stall und in den Obergeschossen des Wohnhauses. Die Ost-Fassade wurde mit grossen Fenstern geöffnet, dahinter liegen die geräumige Wohnküche und das Wohnzimmer. Hier war es auch, wo der einzige grössere Unfall während den gesamten Bauarbeiten passierte: Beim Durchreichen der Kaminsteine übersah Pia Horisberger einen Haken im Eisenträger und büsste dies mit einem Loch im Kopf. Die Kraftarbeit für den Ausbau hat sich jedoch wie alles andere gelohnt: Ein fliessender Grundriss im ersten Obergeschoss verbindet die Küche mit dem Wohnraum und dem Schlafzimmer, das durch zwei offene, schmale Durchgänge betreten wird. Ein kleines Zimmer auf demselben Geschoss dient vorläufig als Büro für den Malereibetrieb – bis der Dachstock ausgebaut ist. Dieser soll künftig auch als Fitnessraum dienen. Im Erdgeschoss befinden sich das Entree und die Heizzentrale.


Kernstück der Wohnung bildet aber die Aussicht aus dem grosszügigen Küchenwohnraum im ersten Obergeschoss: Den Blick über ihr Land in Richtung Norden, gegen das deutsche Wiesental findet Pia Horisberger «immer noch eine Wucht» – genauso, wie sie sich das damals beim Hauskauf vorgestellt hat. 


Quellen zu den historischen Fakten:

Romana Anselmetti: Riehen, Eglingerweg 17, in: Inventar, Basler Denkmalpflege, 2002.

Basler Denkmalpflege: Dossier Eglingerweg 17, S. 3.



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