2012

Theologie ohne Einengung


Barbara Imobersteg



Dem Boden verhaftet und offen zum Himmel – was die Architektursprache der Kornfeldkirche aussagt, hat Gemeindepfarrer Richard Atwood in den 18 Jahren seiner Amtszeit in Riehen lebendig werden lassen. 


Der Kirchenraum der Kornfeldkirche ist grosszügig und freundlich. Die Holzdecke und die mit Holz verkleideten Wände tauchen ihn in ein warmes, rötlich braunes Licht. Der Raum ist offen bis zum First, man kann die tragenden und die stützenden Elemente sehen. Tagsüber dringt das Licht ungebrochen durch die Fenster. Wird es dunkel, lassen zahlreiche, teilweise verborgene Lichtquellen das Holz lebendig schimmern. Der Raum ist schlicht und bilderlos. 


An einem Sonntag, dem 16. Januar 1994, hielt Richard Atwood hier seine Vorstellungspredigt. Er war gut vorbereitet. Der Gottesdienst ist ihm wichtig – nicht dieser ausserordentliche, sondern jeder Gottesdienst. Er habe während seiner ganzen Amtszeit überdurchschnittlich viel Zeit aufgewendet, um die Predigten zu schreiben, sagt er rückblickend. Worauf er damals nicht vorbereitet war: auf die mehrfach an ihn gerichtete Frage, wie er zum Symbol des Kreuzes stehe. 


Kritische Fragen

Ob im Kirchenraum ein Kreuz hängen sollte, war zu jener Zeit umstritten in der Gemeinde. Der Architekt hatte einen Raum ganz ohne Symbole vorgesehen. Was den einen entsprach, empfanden die anderen als Mangel. Sie griffen zur Selbsthilfe und fertigten aus Ästen eigenhändig ein grosses Kreuz an. Eine schwierige Situation, ein hoch sensibles Thema. Kaum angekommen, stand der neue Pfarrer also schon vor seiner ersten Herausforderung.


Richard Atwood sprach kein Machtwort, das ist nicht seine Art. Er veranstaltete zwei öffentliche Gemeindeanlässe und liess das Thema aus kirchengeschichtlicher, theologischer und kunsthistorischer Sicht beleuchten. Neue Sichtweisen, neue Informationen, Diskussion und Austausch – er suchte eine Lösung mit allen Beteiligten und Interessierten. So kam es auch zu einer Einigung: Das Kreuz fand seinen Platz über dem Eingang zum Kirchenraum, der Abendmahlstisch erhielt neu ein liturgisches Tuch mit Kreuz und Ähre und eine ebensolche Kerze.


«In Riehen war ich von Anfang an gefordert», erzählt Richard Atwood. «Hier gab es nicht nur, wie andernorts auch, verschiedene theologische Ausrichtungen, sondern es gab auch eine rege Diskussion darüber – Gemeindemitglieder, die sich mit ihrer Meinung und ihren Anliegen einbrachten, die kritische Fragen und auch Ansprüche stellten.» Richard Atwood pflegte die Diskussion – im persönlichen wie auch im öffentlichen Rahmen. Gastpredigten waren ihm willkommen. Theologen und Theologinnen, die kein Pfarramt innehatten, gestalteten in der Kornfeldkirche Gottesdienste und liessen auch ihre kritischen Gedanken und unüblichen Auslegungen einfliessen. Für Richard Atwood keine Konkurrenz, sondern eine Bereicherung.


Der Veranstaltungsreihe ‹Bibel und Naturwissenschaften› standen die Türen ebenfalls offen. Jedes Jahr lud eine Gruppe von Riehener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Vortragende ein, um über Fragen im Grenzbereich zwischen Naturwissenschaft und Theologie sowie über ein zeitgemässes Verständnis der Bibel nachzudenken und zu diskutieren. Theologie ohne Einengung und Gesprächsoffenheit sind typisch für Richard Atwood. Die ‹Kornfeldabende›, das ‹Kornfeldforum›, die Zusammenarbeit mit dem Forum für Zeitfragen in Basel – während seiner ganzen Amtszeit kam er mit allen Interessierten und mit allen Fragenden immer wieder ins Gespräch über christliche Themen.


Ort der Begegnung

Geht man auf die Kornfeldkirche zu, trifft man nicht zuerst auf ein Portal, das zum Hauptgebäude führt, sondern auf den Kirchplatz. Dann muss man sich nach links wenden, um einzutreten. So gelangt man in die Eingangshalle, zum Gemeindesaal, zum Unterrichtszimmer und auch in den Kirchenraum. Der Architekt Werner Max Moser wollte keine Fokussierung auf ein Hauptgebäude, sondern eine Anlage, die als Versammlungsort das gemeinschaftliche Erleben des Gottesdienstes zum Ausdruck bringt.


«Die Kirche als Ort der Begegnung wurde meiner Meinung nach zu wenig genutzt», erinnert sich Richard Atwood. Er begann, die Räumlichkeiten für die Quartierbevölkerung zu öffnen. Die Kirche belebte sich schnell, verschiedene Gruppen und Kurse mieteten sich zu günstigen Bedingungen ein. Im Kornfeldquartier gab es kaum Treffpunkte – man sah sich beim Einkaufen, man blieb vielleicht an einem Gartenzaun stehen, um sich zu unterhalten. Als Richard Atwood die Idee eines Quartierfestes rund um die Kornfeldkirche lancierte, stiess er auf grosse Resonanz. «Die Kirche machte ein Fest mit dem ganzen Quartier – kein Bazar, kein Fest für die Kirche, nein, ein Fest für alle, ein Fest der Begegnung», erklärt er. Das Quartierfest Kornfeld hatte grossen und nachhaltigen Erfolg – und bescherte der Pfarrfamilie alle paar Jahre ein schlafloses Wochenende mit unzähligen fröhlichen Gästen.


Gleichzeitig mit dem Quartierfest Kornfeld entstand ein weiteres Projekt, das die Gemeinde fortan prägte: der Kirchenchor unter der Leitung von Béatrice Wagner. Mit dem Chor entstand eine neue Gemeinschaft, die das Gemeindeleben mit ihrer Vielfältigkeit und ihrer Begeisterung mehr als musikalisch bereicherte. Bea und Richard Atwood wirkten beide mit und – wenn Not am Mann war – verstärkten (und verjüngten) auch ihre Söhne das Bassregister.


Lösungen

Richard Atwood ging gern auf junge Menschen zu und engagierte sich sehr für die Jugendarbeit. Der Unterricht gehörte zu seinen Prioritäten und erhielt alle Sorgfalt und Aufmerksamkeit. Richtig ins Schwärmen kommt Richard Atwood aber, wenn er von den Konfirmandenlagern erzählt. «Ich habe bewusst keine Reisen veranstaltet, sondern Lager, damit man wirklich Zeit hat füreinander, Zeit, um sich kennenzulernen, sich auch auseinanderzusetzen, Konflikte auszutragen und Lösungen zu suchen.» 


Der Wille und die Bereitschaft, Lösungen zu suchen, haben Richard Atwood schliesslich dazu bewogen, das Gemeindepfarramt aufzugeben – oder vielmehr freizugeben. Als die Umsetzung der notwendig gewordenen Sparmassnahmen der reformierten Kirche in Riehen anstand, nahm er das Stellenangebot des Konrektorats für Religionsunterricht an, damit keine Kündigung ausgesprochen werden musste. «Das war die bisher schwerste Entscheidung meines Lebens», sagt er nachdenklich. Heute ist er wieder in einem bemerkenswerten Bauwerk tätig, allerdings in einem wesentlich älteren: dem Hatstätterhof am Lindenberg 12 aus dem 16. Jahrhundert. Hier befindet sich das ökumenische Zentrum für Religionspädagogik und Medien, eine kirchliche Bildungsinstitution an der Schnittstelle ‹Kirche – Schule – Welt›, die sich als ökumenisches Zentrum der Beratung, der Orientierung, der Begegnung und des fachlichen Austauschs versteht. Richard Atwood ist an einem neuen Ort der Begegnung angekommen.


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