2012

Romantische Tremoli und wilde Feste


Michèle Faller



Zehn junge Männer gründeten 1912 das ‹Mandolinen- und Gitarren-Orchester Riehen› und konnten den ersten Auftritt kaum erwarten. Nun feiert der Verein mit einem Blick zurück seinen Hundertsten.


«Eltern, gestattet Euern Söhnen die Erlernung des Mandolinen- und Gitarren-Spiels, denn manche Stunden, die sie in nicht gewünschten Kreisen zubringen, werden hier nützlich verwertet.» So warb das ‹Mandolinen- und Gitarren-Orchester Riehen› (MGR) nach zehnjährigem Bestehen neue Mitglieder an. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gründung eines Mandolinenorchesters vor 100 Jahren mit der Gründung einer Rock-Band vergleichbar ist. Während heute junge Menschen ihren Emotionen und ihrer Kreativität mittels Hip-Hop, Metal, Folk oder Pop Ausdruck verleihen und so zumindest andeutungsweise das wilde Leben von Bohèmiens führen möchten, gründete, wer damals hip war, ein Mandolinenorchester. So auch in Riehen im Mai 1912, als sich auf ein Zeitungsinserat hin deswegen gut 30 junge Männer trafen. Da aber wie heute nicht jeder, der gerne ein Popstar wäre, ein Instrument beherrscht, blieben schliesslich zehn übrig, die sich zur ‹Mandolinengesellschaft Riehen› zusammentaten. Sie wählten einen Vorstand, stellten am 20. Mai Statuten auf und holten schon am nächsten Tag eine Tanz-Bewilligung ein, um am 27. Mai eine öffentliche Tanzveranstaltung durchzuführen. Das erste Konzert fand am 11. Januar 1914 im Gasthaus zum Ochsen statt. Gespielt wurden Märsche, Walzer und Polka sowie ein Einakter mit dem Titel ‹Lebender Marmor oder Heimliche Liebe›.


Auf der Suche nach Anerkennung

Bevor die Mandoline Unterhaltungs- und Tanzmusik spielte, war sie im Barock und bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein angesehenes Soloinstrument, für das berühmte Komponisten wie Mozart und Beethoven komponierten. An der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden die romantische Mandolinenmusik mit ihren Tremoli und auch die ersten Mandolinenorchester. Da diese oft belächelt wurden – mitunter gerade wegen der ‹volkstümlichen› Tremolo-Spielweise – organisierte die MGR 1922 das zweitägige ‹Erste Schweizerische Wettspiel für Mandolinenmusik› in Riehen. «Der Zweck unseres Festes», schrieb das Organisationskomitee, «ist doch, dem Mandolinenspiel in dem Publikum breitere Bahnen zu verschaffen und mehr Anerkennung abzuverlangen.» Offenbar wollte man auch sonst einen seriösen Eindruck machen, denn das Programmheft betonte: «Ganz bescheiden, ohne den üblichen Festrummel und ohne Wirtschaftsbetrieb, in wohltuender Dorfstille, soll das 1. Schweiz. Wettspiel für Mandolinenmusik stattfinden.» Was durch den Hinweis auf den Ball im ‹Ochsen› bis um 4 Uhr ein wenig geschmälert wurde.


Unberechenbare Damen

Da sich am Wettstreit 1922 zeigte, dass in fast allen anderen Orchestern auch Damen spielten, teilte die MGR im ‹Anzeige- und Verkehrsblatt für Riehen und Bettingen› vom 9. März 1923 im Hinblick auf einen geplanten Kurs mit: «Unser Verein beschloss deshalb, sich auch an unsere musikliebenden Riehener Töchter heranzuwagen.» Offenbar hatte sich jemand in der Folge etwas zu nah an eine Tochter herangewagt – oder umgekehrt. Denn nach einem vereinsinternen Techtelmechtel wurden keine Frauen mehr aufgenommen. Erst in den 1950er-Jahren gab es die erste Ausnahme, die etwa ein Jahrzehnt später zur Regel wurde. Heute sind die Damen in der Überzahl.


In den letzten 100 Jahren trat das MGR am Radio auf, lud 1927 zur feierlichen Fahnenweihe, wirkte an den Riehener Winzerfesten, Bundesfeiern und der Einweihung des Landgasthofs 1951 mit, nahm eine Schallplatte, eine Musikkassette und eine CD auf, pflegte eine langjährige Orchester-Gemeinschaft mit einem Zürcher Verein sowie ein fast professionelles ‹Ständchenwesen› mit einer speziell konstruierten Leuchte samt Klappstühlen. Die Ausrüstung existiert noch, doch finden die heutigen Serenaden drinnen statt, um den Strassenverkehr nicht zu behindern.


Vom Ständchen zum ‹Supra-Jazz›

Ein grosses Highlight war die Basler Theater-Eröffnung 1975 unter der Leitung von George Gruntz, als die Mandolinengesellschaft Riehen am ‹Supra-Jazz›-Konzert mit Jazzstars und dem Radio-Sinfonieorchester Basel musizierte. Auch an der Basler Fasnacht marschierte die MGR mit. Zwar erst 1982, denn für einen Riehener Verein war Basel weit entfernt zu der Zeit, als Mandolinen am Cortège noch üblich waren. Doch im 50-Jahr-Jubiläumszug des Dupf-Club Basel, der mit dem Sujet «E so hämmer no nie …» Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fasnacht ausspielte, verkörperte eine Delegation der MGR zusammen mit Handharmonikaspielern die Fasnacht in den 1930ern. Am ‹Drummeli› 2005 folgte ein Auftritt als italienisches Mandolinenquartett bei der Nummer ‹The Only True and New Swiss Sound (Multikulti Neue Schweizer)› der Gundeli-Clique.


Geselliges wie Ausflüge und Feiern belegen witzige bis kompromittierende Fotos und Anekdoten der Mitglieder, die bestätigen, dass früher noch ein bisschen tüchtiger gefestet wurde und nicht nur nach der Probe, sondern auch vorher ein Stammtischbesuch anstand. Die ungeheuer langen Mitgliedschaften, teilweise familiär ‹vererbt›, beweisen aber, dass es immer noch lustig genug ist. Das älteste und dienstälteste Vereinsmitglied, Hermann Bürgenmeier, wurde vor 66 Jahren von seinem grossen Bruder Karl – der Bruder Emil war schon dabei – in die Musikstunde geschleppt, was er bisher nie bereut hat. Heute spielt der 89-Jährige im von seinem Bruder Karl gegründeten Senioren-Ensemble.


Zusammen mit der Qualität ist in den letzten Jahren mit Jazz- und Tango-Nummern, ‹Pink Panther›-Filmmusik, Mikis-Theodorakis-Liedern und zeitgenössischen japanischen Kompositionen auch das Repertoire des Mandolinen- und Gitarren-Orchesters Riehen gewachsen. Für das Jubiläumskonzert hat es sich aber auf seine Wurzeln besonnen. Zwar ohne Lustspiel und Tanz, aber mit dem Marsch ‹Glorie Piemontesi›, mit dem das erste Konzert im ‹Ochsen› begann.


Vom Schwimm- zum Winzerfest

Heinz Späth sitzt über einen dicken Ordner gebeugt und betrachtet das Foto auf einer Zeitungsseite, das dicht gedrängt sitzende Mandolinisten, Mandolaspielerinnen und Gitarristen zeigt. «Gewaltig!», sagt er mit leuchtenden Augen. «Das war das erste Regio-Zupfkonzert in Weil am Rhein. Da haben etwa 100 Musiker aus Basel, Riehen, Weil, Lörrach und Bad Säckingen gemeinsam musiziert.»
In einem Mandolinenorchester ist es ja eher nicht die Regel, dass man sich während der Proben und Konzerte gegenseitig auf die Füsse tritt; das weiss der ältere Herr mit dem akkurat gestutzten weissen Bart aus eigener Erfahrung. Heinz Späth amtet im Mandolinen- und Gitarren-Orchester Riehen als Präsident. Vorher war er 15 Jahre Vizepräsident und auch als Passivmitglied immer aktiv. Im Jubiläumsjahr hat er ausserdem eine Vereinschronik verfasst. «Es sind auch kleine Geschichten eingeflossen», sagt er mit schelmischem Blick.
Begonnen hat seine langjährige Liebe zur Zupfmusik 1949 im Garten des Restaurants Lindenhof an der Baselstrasse, wo die Mandolinengesellschaft Riehen zusammen mit der ‹Corale Canterini Ticinesi di Basilea› ein Konzert gab. Für den 14-Jährigen war diese Art Musik kein Novum, spielte doch sein Vater zu diesem Zeitpunkt bereits seit 30 Jahren im Riehener Verein. Doch genau dieser Auftritt vermochte den Teenager so zu begeistern, dass auch er lernen wollte, Gitarre zu spielen. Nach einer «Schnellbleiche» von nur sieben Musikstunden bei einem Vereinsmitglied habe er die erste Probe besucht, erinnert sich der heute 77-Jährige schmunzelnd. «Ich hatte ein entsprechendes Schwimmfest.»
Auf das Schwimmfest folgten die Winzerfeste. Besonders dasjenige von 1950 ist Heinz Späth in Erinnerung geblieben, als die Mandolinengesellschaft als Tessinerinnen und Tessiner verkleidet in einem veritablen Schiff namens ‹Lago Maggiore›, das in der väterlichen Zimmerei gebaut worden war, durch Riehens Strassen gondelte. Ebenso vergnügt und mit leisem Stolz erinnert er sich an das Winzerfest 1952, an dem sein Vater Ernst Späth – der damalige Vereins-präsident – als Bürgermeister Wettstein in einer Kutsche vorfuhr. Seine Mutter Trudy Späth mimte die Gattin des berühmten Politikers. Wenige Jahre später wurde sie in den Riehener Bürgerrat gewählt und damit als erste Frau in der Schweiz in einem politischen Amt selber zur politischen Grösse.
Wegen Beanspruchungen in Beruf, Militär und Sport verabschiedete sich Heinz Späth als 20-Jähriger von der MGR und kehrte erst 1979 zurück, direkt aus Spanien, wo er während zweier Jahre als Profi-segler Landratten in die Theorie und Praxis des Hochseesegelns eingeführt hatte. Mit ein paar tausend Seemeilen sowie einer neuen Gitarre im Gepäck und vielen Melodien im Kopf traf Heinz Späth wieder in Riehen ein.
Der Bassgitarrist, der im vereinsinternen Seniorenensemble Mandola spielt und mit ‹When I’m Sixty-Four› sogar ein eigenes Arrangement beigesteuert hat, scheint seit dem Abend im Restaurant Lindenhof nichts von seiner Begeisterung eingebüsst zu haben. Er schwärmt von Orchesterausflügen und stellt fest, dass ihm von der Musik her «eigentlich alles» gefällt. Spass mache auch die technische Herausforderung, die bei der kleinen Besetzung an sich schon gegeben sei. Auf die CD aus dem Jahr 1999 angesprochen, meint der Vereinspräsident treuherzig, aber klipp und klar: «Heute sind wir besser!»
Quellen:
Archiv des Mandolinen- und Gitarren-Orchesters Riehen.
Gespräche mit den MGR-Mitgliedern Heinz Späth, Kurt Käser und Hermann Bürgenmeier.
Riehener Zeitung.
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