2012

Klimawandel in Riehens Kulturlandschaft


Sibylle Meyrat 



Im Hinblick auf die so nahe gelegene Stadt Basel mit ihrem breiten kulturellen Angebot erstaunt die Dichte und Vielfalt von Riehens Kultur. Sie war nie unbestritten, aber politisch breit abgestützt. In jüngster Zeit hat dieser Rückhalt nachgelassen.


Über Kultur wird in Riehen gern und leidenschaftlich debattiert. Das zeigte sich deutlich, als Ernst und Hildy Beyeler 1989 darüber nachdachten, für ihre private Kunstsammlung ein Museum in ihrer Wohngemeinde zu errichten. Befürworter und Gegner lieferten sich heftige Wortgefechte, schliesslich bekannte sich die Mehrheit der Bevölkerung in einer Volksabstimmung zum Bau der inzwischen international etablierten Fondation Beyeler. Welche Kultur wollen wir, wie viel darf sie kosten und welchen Gewinn verspricht sie – ideell, aber auch materiell –, diese Fragen stellen sich auch in Riehen immer wieder neu.


Kulturelles Kapital als Standortfaktor

Beyelers ambitioniertes Museumsprojekt liess sich nicht im luftleeren Raum verwirklichen, es konnte vielmehr darauf bauen, dass sich in der stadtnahen Gemeinde seit vielen Jahrzehnten ein Kreis von Bürgern und Einwohnerinnen für ein reiches kulturelles Angebot vor der eigenen Haustür stark machte. Kulturpolitik war und ist immer auch Lokalpolitik. Seit Ende der 1960er-Jahre wurde das zunächst ehrenamtliche Engagement umtriebiger Kulturpioniere von der Einwohnergemeinde kräftig unterstützt. In einer Zeit des allgemeinen Kultur- und Wirtschaftsbooms entstand eine gemeindeeigene Kunstsammlung, deren Werke an den Wänden von Schulhäusern, Verwaltungsgebäuden und im öffentlichen Raum zu finden sind, und eine Kommission für bildende Kunst organisiert seit 1972 regelmässig Kunstausstellungen. Musikschule, Gemeindebibliotheken, ein Theater, mehrere Museen, eine grosse Zahl geförderter Kultur- und Sportvereine, ein Freizeitzentrum mit Angeboten für alle Altersgruppen – das sind nur ein paar Stichworte zur kulturellen Vielfalt, die über Riehen hinaus bekannt ist. Kürzlich bezeichnete Niggi Ulrich, Kulturbeauftragter des Kantons Basel-Landschaft, die Gemeinde Arlesheim als «Riehen des Baselbiets», um ihren kulturellen Reichtum zu betonen.1 Dieser selbstbewusst gepflegte kulturelle Reichtum wuchs auf einem breit abgestützten Konsens: Ein attraktives Kultur- und Freizeitangebot gehört zu den wichtigsten Standortfaktoren eines Wohnorts – insbesondere eines Ortes, der kein städtisches Zentrum bildet und damit schnell zu einer Schlafstadt werden kann. Davon grenzt sich Riehen entschieden ab. Der Begriff ‹Lebenskultur›, wie er seit ein paar Jahren im Gemeindemarketing gebraucht wird, setzt breit an. Nicht nur Kunstausstellungen und klassische Konzerte in ehemaligen Herrschaftsgütern sind damit gemeint, sondern ein breites Freizeitangebot, das möglichst viele Menschen mit unterschiedlichem Alter und Bildungshintergrund anspricht und partizipieren lässt. 


Die Lebenskultur, die sich Riehen auf die Fahne schreibt, ist kostbar und der Einwohnergemeinde viel wert, wie ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt: Die Ausgaben für Kultur, Freizeit und Sport schlagen mit knapp 10 Millionen Franken pro Jahr zu Buche. Das entspricht rund 10 Prozent des Gesamtbudgets.2 Obwohl das Angebot laufend ausgebaut wurde – beispielsweise mit verlängerten Öffnungszeiten in der Gemeindebibliothek –, sind die Nettokosten in den vergangenen drei Jahren kaum gewachsen. Grund dafür ist der Sparauftrag, den der Einwohnerrat im Dezember 2010 ausgesprochen hatte. Mehrere geplante Projekte mussten in der Folge zurückgestellt werden.


Weniger Geld für Kultur, Freizeit und Sport

Der Antrag der Parteien CVP/GLP, den Globalkredit für den Leistungsauftrag 2011–2013 für die Bereiche Kultur, Freizeit und Sport um 1,5 Prozent zu kürzen, fand die Unterstützung von FDP, SVP und LDP. Dabei bestand weder ein nachvollziehbarer Sparzwang – auch Bürgerliche bezeichnen Riehens gegenwärtige Finanzlage als rosig –, noch folgten dem Kürzungsantrag konkrete Vorschläge, wo gespart werden könne. Klar war einzig der Wunsch der bürgerlichen Parteien, die Bereiche Freizeit und Sport nicht anzutasten. Mit Kürzungen im Kulturbereich steht Riehen keineswegs alleine da. Ein deutliches Zeichen, dass rechtsbürgerliche Stimmen auch hier an Gewicht gewonnen haben. 


Konkreter und in seiner Schärfe ungewohnt für das kulturpolitische Klima Riehens war hingegen der Frontalangriff auf den ‹Kunst Raum Riehen› durch SVP-Einwohnerrat Karl Schweizer im September 2010. Er forderte, die vier bis fünf Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, die im Kunst Raum jährlich stattfinden, ersatzlos zu streichen und das einst zu diesem Zweck umgebaute Ökonomiegebäude des Berowerguts der benachbarten Fondation Beyeler zur Nutzung zu überlassen. Der Vorstoss, in angriffigem Ton verfasst und nicht frei von inneren Widersprüchen, sorgte für ein gewisses Echo in den regionalen Medien. Dem gewinnt die für Kultur verantwortliche Gemeinderätin Maria Iselin vor allem Positives ab. Es habe dem Ausstellungsraum einen Zuwachs an Publikum beschert, insbesondere Kuratoren und Galeristen seien in der Folge vermehrt darauf aufmerksam geworden.3 Der Gemeinderat stellte sich geschlossen hinter seine Plattform für regionale und zeitgenössische Kunst.4 


Um das ehemalige Ökonomiegebäude besser zu nutzen – ausserhalb der Ausstellungszeiten steht es meistens leer –, plant die Gemeinde nun in Kooperation mit der Fondation Beyeler ein touristisches Dienstleistungszentrum, das im kommenden Jahr eröffnet werden soll.


Museen im Wandel

Museen haftet zwar eine Aura von Beständigkeit an, doch ihr Umfeld wandelt sich. Parallel zu ihrem Auftrag, kulturelles Erbe zu konservieren und zu vermitteln, müssen sie sich ständig erneuern, um nicht selber museumsreif zu werden. Für das ‹Spielzeugmuseum, Dorf- und Rebbaumuseum›, das vor 40 Jahren im Wettsteinhaus eröffnet und dessen Ausstellungspräsentation vor 20 Jahren zum letzten Mal grundlegend überarbeitet wurde, drängt sich zurzeit eine Neuausrichtung auf. Um für das Publikum attraktiv zu bleiben, muss es inhaltlich und gestalterisch aktualisiert und innerhalb der Basler Museumslandschaft klar positioniert werden. So die Meinung der verantwortlichen Museumspersonen, die vom Gemeinderat im Leistungsauftrag 2011–2013 bestätigt wurde: Spätestens Anfang 2013 soll ein Konzept zur Neuausrichtung vorliegen.5 – Dass der Einwohnerrat ausgerechnet für diese Leistungsperiode den Globalkredit kürzte, mutet zynisch an und bedeutet für die Zukunftsplanung eine zusätzliche Herausforderung. Damit nicht genug: Auch in Riehens Exekutive hat der Rückhalt für eine aktive Kulturpolitik nach den Wahlen von 2010 entscheidend nachgelassen, wie mehrere dem Museum nahestehende Personen berichten.


Spielzeug als Publikumsmagnet

Bei der Neukonzeption des Museums im Wettsteinhaus sind sich die involvierten Fachleute einig, dass die einst angestrebte Einheit der drei Abteilungen Spielzeug, Dorf und Rebbau nicht mehr zeitgemäss ist. Die Stärke des Museums liegt einerseits im historischen Wettsteinhaus mit seinem malerischen Innenhof, andererseits in der Spielzeugsammlung von Hans Peter His, die als Dauerleihgabe vom Museum der Kulturen übernommen werden konnte. Diese Sammlung zieht bis heute den grössten Teil des Publikums an. Im Sinn einer erfolgreichen Vermarktung und Positionierung empfiehlt sich deshalb eine Trennung der drei Abteilungen. Mit einer Auslagerung des Dorfmuseums würde zudem ein Raum für die Sonderausstellungen des Spielzeugmuseums frei, der grösser wäre als der bisherige.6

War dieses Museum bei seiner Eröffnung das grösste seiner Art in der Schweiz, erwuchs ihm 1997 mit der Eröffnung des Puppenhausmuseums (heute ‹Spielzeug Welten Museum Basel›) eine direkte Konkurrenz. Obwohl das Riehener Museum punkto Sammlung und kuratorischen Ansprüchen den Vergleich nicht zu scheuen braucht, ist es bezüglich Budget und Standort gegenüber dem privat finanzierten Museum am Steinenberg im Nachteil. Dieses wirbt mit der grössten Teddybärensammlung der Welt und versetzt sein Publikum eher in Staunen, als dass es ihm die vielfältige Geschichte des Spielens und des Spielzeugs näherbringen würde. Daneben gibt es weitere privat geführte Spielzeugmuseen in der Schweiz, die aber meist kleiner sind und aufgrund knapper Finanzen oft eine kurze Lebensdauer und stark eingeschränkte Öffnungszeiten haben. So musste das in Fachkreisen anerkannte Spielzeugmuseum Davos im April 2012 wegen Krankheit der Gründerin und Sammlerin Angela Prader schliessen. 


Mit seiner öffentlichen Trägerschaft, seiner aussergewöhnlich reichhaltigen Sammlung und seinem denkmalgeschützten Gebäude kommt dem Riehener Museum insofern eine Sonderstellung zu. Diese kann es in Zukunft weiter ausbauen, sofern es den notwendigen politischen Rückhalt und die entsprechenden Finanzen für sich gewinnt. Die zahlreichen sozial-, wirtschafts- und alltagsgeschichtlichen Aspekte, die sich anhand der Sammlung His aufzeigen und vermitteln lassen, sind noch längst nicht ausgeschöpft. Ob und wie diese in den nächsten Jahren aufgearbeitet werden, hängt in hohem Mass vom Innovationsgeist des Museumsteams, den politischen Spielräumen und dem verfügbaren Budget ab, das sich zunehmend auch auf Drittmittel abstützen muss.


Geringes Interesse am Dorfmuseum

Im Vergleich zum Spielzeug stösst die dorfgeschichtliche Abteilung des Museums, die seit 1992 im Kulturgüterschutzraum im Untergeschoss des Wettsteinhauses gezeigt wird, laut Museumsleiter Bernhard Graf auf sehr geringes Publikumsinteresse. Etwa zwei Schulklassen pro Jahr würden es besuchen, die Einzelpersonen liessen sich an zwei Händen abzählen. Interessanterweise bleibt es um diese Abteilung auf politischer Ebene merkwürdig still. Es scheint unbestritten, dass die Vergangenheit der Gemeinde sowie die Lebensgeschichten und -umstände früherer Generationen, die hier gelebt und gewirkt haben, an einem öffentlich zugänglichen Ort ihren Platz haben sollen. Warum jedoch das Thema Spielzeug weniger ein Teil der lokalen Geschichte sein soll als beispielsweise die Arbeitswelt, die im Dorfmuseum mit vielen Objekten präsent ist, bleibt eine offene Frage.


Bei der Neugestaltung des Museums vor 20 Jahren wurde die Ausstellung zur Dorfgeschichte aktualisiert. Seither enthält sie neben interessanten Aspekten zur Alltags- und Geschlechtergeschichte auch sorgfältig recherchierte Informationen zu Riehens Lage als Grenzort und zum Umgang der Behörden und der Bevölkerung mit den Menschen, die vor und während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz flohen.


Ein Flüchtlingsmuseum in Riehen?

Neue Bedeutung bekommt dieses Thema durch die 2010 an der Inzlingerstrasse eröffnete Gedenkstätte für Flüchtlinge.7 Dieser von privater Seite finanzierte und betriebene Erinnerungsort vermag zwar die Betroffenheit eines bestimmten Besucherkreises zu wecken, doch wer sich dafür interessiert, wie diese Schicksale in Riehen und der Region Basel im Einzelnen aussahen, findet wenig konkrete Informationen. Die ideelle Ausrichtung der Gedenkstätte führte im Vorfeld dazu, dass sich die in das Projekt involvierten Fachleute rasch davon distanzierten.8 Nun gibt es zwar im Untergeschoss des Wettsteinhauses eine wichtige und differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema. Doch ist es leider zu bezweifeln, dass ein entsprechend interessiertes Publikum den Weg dorthin findet.


Kurze Zeit wurde über eine gänzlich neue Museumsidee am Standort Riehen nachgedacht, die sich vertieft mit der Geschichte der Flüchtlinge in der Schweiz befasst hätte. Erste Vorschläge der Initianten stiessen in einem Gespräch mit dem Gemeinderat auf wohlwollendes Interesse.9 Zurzeit scheint es aber so, als liesse sich das Interesse der Gemeinde betreffend eine baldige Neuausrichtung des Museums nicht mit der zeitaufwändigen Suche nach einer breiten Trägerschaft und entsprechender Finanzierung für das Projekt eines wissenschaftlich fundierten und national ausgerichteten Flüchtlingsmuseums verbinden. Das ist insofern bedauerlich, als Riehen mit seiner Grenzlage und der für den Zweiten Weltkrieg gut erforschten Flüchtlingsgeschichte prädestiniert wäre, hier eine tragende Rolle zu übernehmen – in einem Themenfeld, das einen starken lokalen Bezug aufweist, gleichzeitig von globaler Bedeutung ist und zudem in der schweizerischen Museumslandschaft noch einen weitgehend weissen Fleck darstellt. 


Doch auch ohne Flüchtlingsmuseum wird es spannend sein, wie sich das Museum im Wettsteinhaus, eines der Vorzeigeobjekte in der Riehener Kulturlandschaft, in einer Zeit von wachsendem Legitimations- und Kostendruck positionieren wird.




1 Tageswoche, 4.5.2012.
2 Gemeinde Riehen: Detailbericht der Produktgruppen zum Geschäftsbericht des Gemeinderats 2011.
3 Gespräch mit Maria Iselin vom 10.5.2012.
4 www.riehen.ch/sites/default/files/files/geschaeft/interpellation_schweizer_k._streichung_des_kunstraums_wortlaut_u_antwort.pdf, Zugriff: 12.5.2012.
5 Leistungsauftrag und Globalkredit für die Produktgruppe Kultur, Freizeit und Sport 2011–2013, beschlossen vom Einwohnerrat
am 24.11.2011.
6 Gespräch mit Vera Stauber vom 29.5.2012.
7 www.gedenkstaetteriehen.ch.
8 Basellandschaftliche Zeitung, 12.9.2010, 26.9.2010, 23.2.2011 und 11.4.2011; Basler
Zeitung, 15.9.2010 und 1.2.2011; sowie
www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/9395/highlight/riehen, Zugriff: 15.7.2012.
9 Gespräche mit Erik Petry, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft ‹Museum für Flüchtlinge während des Zweiten Weltkrieges›, vom 4.7.2012 und mit Maria Iselin vom 10.5.2012.
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