2008

Wilde Rebentulpen am Riehener Schlipf

Albert Spycher-Gautschi

Die geschützte Wilde Rebentulpe mit ihrer leuchtend gelben Blüte und ihrem feinen Duft erfreut das Auge in den Reben am Riehener Schlipf.

Alljährlich macht eine Frühjahrsblume von sich reden, die von den einen als lästiges Unkraut verschrien, von den andern als schützenswerte Kulturpflanze bewundert wird - die aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende Wilde Rebentulpe (Tulipa sylvestris, Bild links). Man findet diese goldgelben, der Sonne zugewandten Blütensterne als Altbestände oder «Zuwanderungen» in den meisten Rebgärten des untern Baselbiets - in den Biel-Benkener «Hollen», am Oberwiler «Bernhardsberg», im «Rebgarten» von Therwil, am «Vorderberg» in Ettingen, am steilen «Homburgrain» ob Arlesheim, an der Oberen Kirchgasse in Münchenstein, in den Muttenzer Wartenberg-Reben so gut wie in den «Bergreben» von Pratteln. In der sundgauischen Nachbarschaft verstecken sich Vorkommen bei Leymen, Neuwiller, Hagenthal und Hésingue. Ein Abstecher ins Markgräflerland führt zu den Vorkommen am «Hartberg» bei Fischingen sowie rund um den Tüllinger Berg (Weiler Schlipf, Bild s.24) zum Weiler und Riehener «Schlipf». ältere und jüngere Botanikführer melden Weil («Wyl», 1821), Lörrach (1857), Tüllingen (1880, 1901) sowie Weil-Käferholz (1997) als Rebentulpen-Standorte. Der Flurname «Schlipf» wird in diesen Werken nicht erwähnt. Im 18. Jahrhundert nannte der Chronist Daniel Bruckner lediglich die Riehener Reben als Standort des Wilden Knoblauchs (Allium bicornum). Wie L. Emil Iselin schrieb, gediehen um 1923 in den Riehener Reben aus dieser Pflanzengesellschaft neben der Wildtulpe die Bisam- oder Traubenhyazinthe (Muscari), auch «Trummelschleegeli» genannt, nicht aber der zu dieser Pflanzengesellschaft gehörender Doldige Milchstern (Ornithog bellatum). Der Autor vermutete, dass diese Gewächse im 19. Jahrhundert bei der Einführung neuer Rebsorten aus dem Elsass einwanderten.
 
Aus der Geschichte des Riehener Schlipfs
Der Weinbau in römischer Zeit ist hier nicht nachgewiesen wie in der Aescher Klus, wo bei Grabarbeiten Rebenholz (Vitis vinifera) und Überreste von Stickein aus dem dritten und vierten Jahrhundert nach Christus ans Tageslicht gefördert wurden. Urkunden des ausgehenden Mittelalters bezeugen dafür, dass der Bischof von Basel Reben wie auch die Kartäusermönche und Chorherren zu St. Peter Rechte «an dem sliffe» besassen. Das Wettsteinhaus erinnert daran, dass Bürgermeister Rudolf Wettstein nach seinem Tod Anno 1666 Weingärten im Kirchgrund, Hinter Engelin und am Schlipf hinterliess. Wie der Muttenzer Wartenberg war in früheren Zeiten auch der Schlipf ein unruhiger, «schlipfiger» Boden und verursachte im Zeitenlauf mehrere Erdrutsche. Zum Ereignis im Jahr 1796 schrieb der Chronist Daniel Bruckner, «dass solches von den Wasserquellen welche ihren rechten Ablauf nicht gegeben worden, beschehen seye». Indes vermochten weder Hangrutsche noch Traubenkrankheiten die Rebkulturen vom Tüllinger Berg zu verdrängen. Sie überstanden sogar Vandalenakte österreichischer Truppen, die während der Revolutionswirren Rebstecken aus dem Schlipf stahlen - ausgerechnet dort, wo laut den «Neuen Merkwürdigkeiten» des Läufelfmger Pfarrers Markus Lutz von 1805 der Schlipfer Wein «zu den vorzüglichsten» weit und breit zählte. Ein im Staatsarchiv Basel-Stadt aufbewahrter Plan des Schlipfs nach dem folgenschweren Rutsch im Jahr 1831 registriert 181 grössere und kleinere «Rebstücke» (Nummern 1081 bis 1262), 38 Parzellenbesitzern wurden Entschädigungen zugesprochen.

Aufwändige Pflegemassnahmen infolge von Rebbergkrankheiten, steigende Landpreise und die Konkurrenz von Importweinen sind nur Beispiele für weitere hinderliche Einflüsse, die das im Jahr 1877 mit 62 Hektaren bezifferte Rebland bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts auf eine halbe Hektare schwinden Hessen. Neben wenigen Freizeitwinzern waren und sind es private berufliche Weinproduzenten sowie der Gemeinderebberg, welche die Weinbautradition am Riehener Schlipf lebendig erhalten. Zu den «Professionellen» zählt Urs Rinklin (geboren 1975), der das Weingut Rinklin am Eglingerweg «ennet der Wiese» seit 1999 in dritter Generation bewirtschaftet - eine kurze Zeit spanne, wenn man aus einem Berain des Domstifts Basel erfährt, dass in «Tullikon» oben schon im 15. Jahrhundert ein Vorfahr namens Leonhardt Ringlin lebte.

Schlipfer «Gutedel» und Schlipfer Rebentulpen im Weingut Rinklin Das Weingut Rinklin ist dem Weinkenner ein Begriff. Weniger bekannt ist es als einer der interessantesten Standorte der Wildtulpe in der Region. Sie zeigt sich da und dort in eigenen und gepachteten Rebparzellen am Weiler Schlipf, in grosser Zahl aber hinter den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, die einst im Areal eines aufgelassenen Kalksteinbruchs errichtet worden sind. Urs Rinklins Vater Willy (geboren 1945) bemerkte das Vorkommen um 1968, als sich hoch oben in der steilen Böschung Exemplare der Tulipa sylvestris zeigten. Von dort aus vermehrten sie sich immer näher zu den Gebäulichkeiten und bilden zur Blütezeit einen leuchtend gelben Blumenteppich. Wie auch in andern Rebbergen beobachtet wird, können sich durch Versamung oder durch unkontrollierte Verpflanzung von Tulpenzwiebeln bei Erdbewegungen jeglicher Art neue Standorte bilden. Es ist daher anzunehmen, dass die Rebentulpen im Weingut Rinklin aus höher gelegenen Rebgärten des Schlipfs zugewandert sind. Bis zum Austreiben der Zwiebeln können Jahre verstreichen - die Rebentulpen sind plötzlich da.

Urs Rinklin war etwa acht Jahre alt, als er zum ersten Mal Rebentulpen bestaunte und von den Eltern über deren Schutzwürdigkeit belehrt wurde - direkt am Eglingerweg, wo sich die Blumen jedoch nicht halten konnten. Heute äussert der erfahrene Rebmann differenzierte Betrachtungen zu dieser Pflanze. Die zunehmend extremer werdenden Klima- und Witterungsverhältnisse zwingen zu Anpassungen bei der Boden- und Grasnarbenpflege, die der Rebentulpe schaden können. Mit Urs Rinklin fragen weitere Weinproduzenten aus dem unteren Baselbiet und dem Leimental nach Möglichkeiten zum Erhalt und Schutz der Rebentulpe. Auf diese Anliegen einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Der Schreibende verweist auf zwei kürzlich erschienene Publikationen (siehe Anhang), in denen er Ratschläge kompetenter Fachleute zusammenfasste, unter anderem eine Kulturanleitung von Bruno Erny, Leiter des Botanischen Gartens Basel.

Bei der Blinddegustation einer noch nicht etikettierten Flasche, die einen süffigen «Gutedel 2007» verspricht, kam Urs Rinklin ins Schwärmen. Er freut sich am grazilen Bau der Rebentulpenpflanze, an ihrem prächtigen Aufblühen, an ihrem feinen Duft. Sie ist in seiner Hofstatt daheim und er möchte sie dort nicht missen. Insbesondere ist sie aber eine Frühjahrsbotschaft - im Rebberg geht es wieder los!

Ungedruckte amtliche Quellen:
Staatsarchiv Basel-Stadt: Domstift J, Beraine, S. 23r.; Klosterarchive St. Peter, JJJ 81, 106-124; Kartaus Q 17-30, 35; Land- und Waldakten P 16, 169-1879, Rutschungen im Schlipf Botanische Werke: ZOLLER, Heinrich u. STEINMANN, Martin: Conradi Gesneri Historia plantarum, Bd. 2, Faksimile-Ausgabe Dietikon-Zürich 1991, S. 110f.

HAGENBACH, Carl Friedrich: Teutamen Florae Basiliensis, Bd. 1, Basel 1821, S. 309. DöLL, Johann Christoph: Flora des Grossherzogtums Baden, Bd. 1, Karlsruhe 1857, S. 375.

SCHNEIDER, Ferdinand: Taschenbuch der Flora von Basel, Basel 1880, S. 276. BINZ, August: Flora von Basel und Umgebung, Basel 1901, S. 62. BR0DTBECK, Tomas et al.: Flora von Basel und Umgebung, Bd. 1, Liestal 1997, S. 896 (Mitteilungen der naturforschenden Gesellschaften beider Basel). Sekundärliteratur (Auswahl): BACHMANN, Fritz: Riehener Gemeinderebberg im Schlipf, in: z' Rieche 1986; Basler Stadtbuch 1986, S. 284.

BRUCKNER, Daniel: Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, Bd. 7, Basel 1752, S. 796f., 803. ISELIN, L. Emil: Geschichte des Dorfes Riehen, Riehen 1923, S. 6, 60f„ 202, 279. LEHMANN, Fritz: Aus der Geschichte des Wettsteinhauses zu Riehen, in: z' Rieche 1972, S. 23.

LUTZ, Markus: Neue Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, Bd. 2, Basel 1805, S. 316. E.P.: Relikte von Rebkulturen aus der römischen Zeit, in: Schweiz. Zeitschrift für Obstund Weinbau 1966, S. 209f.

REUTLINGER, Hans: Rabe, Trotte, Schlösser vom Bölche bis zum Schlipf, Basel 1974, S. 11, 69.

SPYCHER, Albert: Baselbieter Heimatblätter, in Druck.

SPYCHER, Albert: Die Wilde Rebentulpe - La tulipe sauvage - an der Dreiländerecke, in: Annuaire de la Société d'histoire du Sundgau 2008, S. 297-310. THOMMEN, David: Ein gerüttelt Mass an Innovation, in: z' Rieche 1972, S. 51. VERSCH. AUTOREN: Riehen - Geschichte eines Dorfes, Riehen 1972, S. 10.


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