2006

An der Wiese nichts Neues

Dieter Wüthrich

Nach Jahrzehnten des Widerstandes und der Verzögerungen haben die Bauarbeiten an der heftig umstrittenen Zollfreistrasse begonnen. Mit friedlichen Mitteln haben die Gegner bis zuletzt versucht, das Projekt zu verhindern. Vergeblich.

Die einen kamen im Morgengrauen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht bewegte sich das gute Dutzend Mannschaftswagen der Polizei im Nebel dieses kühlen Februarmorgens auf der Weilstrasse Richtung Wieseufer. Die anderen waren schon da. Seit Tagen, ja Wochen hatten sich rund 200 unentwegte Naturschützer mit ihrem «Spiritus rector», Umweltaktivist Martin Vosseier, auf dem künftigen Baugelände der Zollfreistrasse-Brücke über die Wiese auf den Fall der Fälle vorbereitet. Jetzt sassen sie dort - viele angekettet an oder in Klettergurten hängend auf den Bäumen, die sie vor der Kettensäge schützen wollten. Auch wenn sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrhaben wollten - dieser Tag sollte der Anfang vom Ende des Widerstandes gegen das selbst von den Befürwortern als nicht mehr zeitgemäss bezeichnete Projekt «Zollfreistrasse» sein.

Die flehenden Appelle an Sicherheitsdirektor Jörg Schild, an Baudirektorin Barbara Schneider und an die Lörracher Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm, der Zerstörung dieses Stückes Natur in letzter Minute doch noch Einhalt zu gebieten, verhallten an diesem 6. Februar 2006 vielleicht nicht ungehört, doch sie blieben ohne Wirkung. Beobachtet von zahlreichen Medienvertretern schickten sich die Polizistinnen und Polizisten bald an, das künftige Baugelände zu räumen. Geduld und körperliche Zurückhaltung im Umgang mit den Besetzern war ihnen verordnet worden - und auch Martin Vosseier hatte seine Mitstreiter aufgefordert, jegliche Provokation verbaler oder physischer Art zu unterlassen.
 
Und so blieb die staatlich angeordnete Räumung in jeder Minute jenes Tages friedlich, auch wenn sich die Verwegensten unter den Aktivisten bis zuletzt weigerten, ihren Hochsitz in den Baumkronen zu verlassen und deshalb von vereinten Polizei- und Feuerwehrkräften mit Drehleitern heruntergeholt werden mussten. Bis am frühen Nachmittag hatten fast alle Zollfreistrasse-Gegner das Gelände verlassen - einige freiwillig und auf eigenen Füssen, andere mussten von der Polizei weggetragen werden. In den Augen all jener, die an diesem Tag bis zuletzt an ein «Wunder an der Wiese» gehofft hatten, sah man Bestürzung und Trauer, aber auch Entschlossenheit und Stolz. In die Abenddämmerung hinein aber hallte das Kreischen der Motorsägen ...

Eine «neue» Idee wird geboren Nur wenige Tage später war auf dem nun bäum- und strauchlosen Stück ödland wieder Stille eingekehrt. Doch die Ruhe war nur vordergründig. Den «Kampf» um die Bäume hatten sie zwar verloren geben müssen, doch dafür setzten Martin Vosseier und viele andere auf der politischen Bühne zwischen Basel, Bern, Freiburg im Breisgau und Berlin nochmals alle Hebel in Bewegung, um das Projekt «Zollfreistrasse» in der geplanten Form doch noch dorthin zu «entsorgen», wo es ihrer Meinung nach schon längst hingehört hätte - auf den Schuttabladeplatz unreflektierten Fortschrittglaubens.

«Wenn wir den Bau der Zollfreistrasse schon nicht mehr verhindern können, dann soll sie wenigstens weit gehend unsichtbar bleiben» - so lautete das neue Credo. Und es schlug die Geburtsstunde von «Phoenix» - die Zollfreistrasse im Tunnel. Mit Unterstützung prominenter Persönlichkeiten wie etwa dem Historiker Georg Kreis und den beiden ärzten Andreas Hoffmann und Andreas Löffler versuchte Martin Vosseier noch einmal, die «Opinion Leader» dies-, vor allem aber jenseits der Landesgrenze von den ökologischen und ökonomischen Vorteilen jener Tunnellösung zu überzeugen, die Regierungsrat Guy Morin bereits im Frühjahr 2005 erneut ins Spiel gebracht hatte.

Auch bürgerliche Politiker wie der Bettinger Grossrat Helmut Hersberger vermochten sich nun für das Tunnelprojekt zu erwärmen. Anonyme «Mäzene» versprachen verbindlich einen hohen einstelligen Millionenbeitrag an die Baukosten.

«Phoenix» hob nicht ab Doch weder finanzielle Zusicherungen privater Donatoren noch ein - allerdings nicht besonders vehement manifestes - regierungsrätliches Engagement vermochte die deutschen Staatsvertragspartner umzustimmen. Es blieb beim kategorischen «Nein» aus Weil, Lörrach und Freiburg zu neuen Verhandlungen über eine alternative Linienführung und Bauweise. Zu Grabe getragen wurde der nie flügge gewordene «Phoenix» schliesslich vom Grossen Rat. Dieser stimmte zwar der Resolution für eine Tunnellösung zu und signalisierte damit indirekt auch grundsätzliche Bereitschaft, die erklecklichen Mehrkosten für «Phoenix» von geschätzten 40 Mio. Franken aus dem basel-städtischen Staatssäckel zu bezahlen. Doch der Resolution blieb die für ihre überweisung an den Regierungsrat notwendige Zweitdrittelsmehrheit versagt. Und damit war klar: Die Gegnerinnen und Gegner der Zollfreistrasse hatten ihren mit allen gewaltfreien Mitteln geführten Kampf gegen das etwas über 700 m lange Stück Strasse endgültig verloren.

Wie hoch wird die Rechnung sein?
Dort, wo bis noch vor wenigen Monaten eine zwar auch von Menschenhand geschaffene, aber doch idyllische und teilweise gar unberührt wirkende Naturlandschaft zum Verweilen einlud, ist jetzt schon von weither der Lärm der Baumaschinen zu hören. An den Bauabschrankungen die letzten sichtbaren überbleibsel des Widerstandes - hier ein Stück regenbogenfarbenes Tuch, dort ein rotes Kreuz an einer Baumrinde. Und auf einem Schalbrett die Mahnung: Die Natur rächt sich nicht, sie präsentiert nur früher oder später die Rechnung...

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