2000

Ein Buch und ein Dorf als Spiegelbild des tiefgreifenden Wandels

Lukrezia Seiler-Spiess

Das Riehener Jahrbuch «z'Rieche 2000» ist dem Thema Wandel gewidmet. Und welches Thema wäre passender für das Jahr 2000, das nicht nur zwischen zwei Jahrhunderten, sondern zwischen zwei Jahrtausenden liegt und zum Rückblick auf Vergangenes und zum Ausblick auf Zukünftiges geradezu herausfordert!

Die vierzig bisher erschienenen Riehener Jahrbücher zeichnen trefflich nach, wie sich aus einem kleinen Bauerndorf das «Grosse Grüne Dorf» entwickelt hat.

Wir alle sind uns der starken Veränderungen bewusst, welche heute das Leben des Einzelnen beeinflussen Stichworte wie Globalisierung und weltweite Vernetzung sind uns geläufig. Vergessen wir aber ob dieses aufregenden, gelegentlich erschreckenden Wandels nicht, wie tiefgreifend auch für unsere Vorfahren die Veränderung ihrer Umwelt war, wie stark sich ihr Alltag und ihr Leben wandelten, vor allem in den letzten hundert Jahren. Riehen ist da ein Beispiel unter vielen: Aus dem kleinen Bauerndorf mit seinen verwinkelten, staubigen Gassen, den mit Holz geheizten Häusern und der Wasserversorgung aus den Dorfbrunnen ist das «Grosse Grüne Dorf» geworden, das sich weit über die ehemaligen Äcker und Wiesen erstreckt und vom Verkehr durchbraust wird. Die homogene Einwohnerschaft aus Bauern und Handwerkern, in der ein jeder jeden kannte, ist einer bunt gemischten Bevölkerung gewichen, welche die verschiedensten Interessen vertritt. Und das unbekannte Dorf in der Grenzecke, das selbst viele Schweizer nicht kannten, wird plötzlich von Menschen aus der halben Welt besucht, welche die Fondation Beyeler bewundern und dabei auch Riehen entdecken.

Das Riehener Jahrbuch, das in diesem Jahr zum vierzigsten Mal erscheint, spiegelt diesen tiefgreifenden Wandel aufs Trefflichste. Es war eine Zeit des Aufbruchs, der Neuanfänge, als 1961 einige initiative Männer (Frauen waren damals noch keine dabei!) das Jahrbuch «z'Rieche» gründeten. Nach den sorgenvollen Jahren des Zweiten Weltkrieges, in welchen das kulturelle und gesellschaftliche Leben im grenznahen Dorf stagnierte, brachten die Nachkriegsjahre einen grossen Aufschwung. Die Bevölkerung wuchs sprunghaft von 8000 auf über 20 000 Personen, ganze Quartiere wurden neu gebaut, man träumte gar von einem Bevölkerungszuwachs bis auf 45 000 Personen, und nur eine kluge Planung bewahrte Riehen davor, wie so viele andere stadtnahe Gemeinden zum gesichtslosen Vorort von Basel zu werden. Auch auf kulturellem Gebiet herrschte Aufbruchstimmung. Mit dem Bau des Landgasthofes im Jahre 1950 verfügte die Gemeinde erstmals über einen grossen, akustisch hervorragenden Saal für Eheater und Konzerte, und schon im darauf folgenden Jahr startete «Kunst in Riehen» ihre bis heute ununterbrochenen Konzertreihen. Es folgten literarische Veranstaltungen mit den Autorenabenden, der Arena LiteraturInitiative und dem Kaleidoskop und grosse, von der Gemeinde organisierte Kunstausstellungen. Und mittendrin stand das Riehener Jahrbuch als facettenreicher Spiegel von Riehens Vergangenheit und Gegenwart.

Dass in diesem Spiegelbild die Vergangenheit einen grossen Raum einnahm, ist begreiflich, denn die Riehener Geschichte ist reich an interessanten Details und wurde in diesen Jahren auch gründlich erforscht. Zum Jahrtausendwechsel passt es sehr schön, dass Riehen auf etwa 1000 Jahre dokumentierte Geschichte zurückblicken kann: Um das Jahr 1000 entstand die erste Riehener Kirche und später die Kirchenburg, von der aus sich das Dorf entwickelte und entfaltete. Nicht nur die Kirchenburg, sondern auch viele alte Bauernhäuser und ihre Bewohner sind im Laufe der Jahre in Wort und Bild im Riehener Jahrbuch vorgestellt worden. Der Alltag der Bauern und Handwerker, der Schmiede und Bäcker, der Bauersfrauen und Kinder wurde in vielen Beiträgen aufgezeigt, am lebendigsten wohl dort, wo alte Riehenerinnen und Riehener von ihrer Jugendzeit nach der Jahrhundertwende erzählten. Aber auch das «andere Riehen», das Riehen der Basler Herren, die sich hier ihre Landgüter erbauten, wurde in vielen Beiträgen lebendig: Die Pracht ihrer «Sommerhäuser» und die Schönheit ihrer Gartenanlagen, die auch heute noch Riehen und seine Umgebung prägen, eigneten sich hervorragend für schöne, reich bebilderte Beiträge.

Doch nie sollte die Schilderung der Vergangenheit im Riehener Jahrbuch Selbstzweck sein, stets wurde sie auch in Verbindung mit der Gegenwart der Gemeinde gesehen. Denn nur aus der Kenntnis der Vergangenheit heraus können wir die Gegenwart ganz verstehen. So mündete etwa der grosse Bericht über die Landvogtei und das Zehntenwesen im alten Riehen in einen Beitrag über das heutige Riehener Steuersystem; die Geschichte der Riehener Mühle in einen Bericht über die heutige Nutzung alter Industriebauten zu Wohnzwecken; oder der Beitrag über einen alten, renovierten Bauernhof in ein Gespräch mit dem Basler Denkmalpfleger über Aufgaben und Möglichkeiten der Denkmalpflege. Mit dem veränderten Dorf wandelten sich auch die Probleme: Fragen der Dorfplanung, der Erhaltung von Grünflächen trotz der gleichzeitigen Weiterentwicklung des Dorfes, der Ausbau der sozialen Werke und viele andere Gegenwartsfragen wurden im Riehener Jahrbuch immer wieder diskutiert.

Überhaupt, die Riehener Gegenwart - wie bunt, reichhaltig und vielfältig ist sie! Wenn ich durch die Jahrbuchbände der vergangenen vier Jahrzehnte blättere, blicken mir ungezählte Gesichter entgegen: lachende Kinderaugen in der Schule, beim Theaterspielen oder im Kindergarten; junge Männer und Frauen, die von ihren Zukunftsplänen erzählen; ernsthafte Politiker, neu gewählt und voller Ideen; Riehenerinnen und Riehener bei Strassenfesten, Vereinsanlässen, beim Musizieren oder beim Bannumgang. Eine grosse Zahl von Riehener Persönlichkeiten durfte das Jahrbuch im Lauf der Jahre porträtieren: Maler und ihre Werke, Schriftsteller und ihre Texte, Musiker mit ihren Plänen und Kompositionen. Und da man letztere ja (noch) nicht im Jahrbuch erklingen lassen konnte, kamen sie jeweils an den Jahrbuchpräsentationen, die nun schon seit über zwanzig Jahren zur Riehener Vorweihnachtszeit gehören, zu ihrem Recht.

Das Riehener Jahrbuch hat den grossen Wandel, den unsere Gemeinde im ausgehenden Jahrhundert erlebte, dokumentiert. Es wird mit Elan und Schwung auch im neuen Jahrhundert Riehen mit all seinen Facetten und Veränderungen spiegeln.

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