1981

Eine Idee nimmt Gestalt an

Hans Krattiger

Aus den Anfängen des Riehener Jahrbuches
«Die Aufgabe dieses heimatlichen Jahrbuchs der Gemeinde Riehen besteht darin, die Bürger und Einwohner mit ihrem Wohnort vertrauter zu machen, ihr Wissen um die Heimat zu mehren und die Liebe zu ihr zu vertiefen. Gerne unterstützt der Gemeinderat dieses Bestreben.» So schrieb vor 20 Jahren der damalige Gemeindepräsident Wolfgang Wenk im Geleitwort zum ersten Riehener Jahrbuch, das im November 1961 erschien. Es war allerdings eher eine Broschüre als ein Buch, umfasste es doch nur 64 Seiten. Als Redaktor figurierte einzig und allein Dr. Paul Meyer, der Rektor der Schulen von Riehen und Bettingen; herausgegeben wurde das «heimatliche Jahrbuch z'Rieche» vom Verkehrsverein im Verlag von Th. Schudel. Aber schon dieses erste Jahrbuch setzte die Marksteine, die für die nachfolgenden Jahrbücher wegleitend wurden; denn mit den Beiträgen von Dr. Ernst Erzinger über «Unsere heimatliche Landschaft» und von Dr. Hans Stohler über «Riehens Banngrenze» wurden heimatkundliche und historische Aspekte anvisiert, mit den Aufsätzen von Eduard Wirz über das alte und von Paul Hulliger über das neue Gemeindehaus kamen gemeindepolitische Probleme zur Sprache, mit einem Nachruf auf Kunstmaler Willi Wenk (1890-1956) von Pauline Müller erfolgte der Blick auf das kulturelle Leben und mit Auszügen aus Schüleraufsätzen zum Thema «Unsere Heimat» kam auch die Jugend zum Wort. Und die «Riehener Chronik», verfasst von Eduard Wirz, durfte schon im ersten Jahrbuch nicht fehlen. Die Titelseite war geschmückt mit einer Zeichnung, auf der Frédéric Degen vor dem Hintergrund des Riehener Wappens ein paar markante Riehener Bauten sozusagen auf einen Blick zusammengefasst hat. Diese Umschlagszeichnung wurde auch noch für die Jahrbücher 1962 und 1963 beibehalten. Aber schon das zweite Jahrbuch von 1962 erschien mit einem festen Kartonumschlag und war mit seinen 110 Seiten fast doppelt so umfangreich wie das erste. Und seither ist das Riehener Jahrbuch zu einer kaum mehr wegzudenkenden Institution des Gemeindelebens geworden.

Es scheint uns deshalb nicht unerlaubt zu sein, einen Blick zurückzuwerfen und der Frage nachzugehen, wie und warum dieses «heimatliche Jahrbuch» mit dem schlichten Titel «z'Rieche» entstanden ist. Und wer hätte uns besser Auskunft geben können als Theo Schudel, der Initiant des Jahrbuchs, der im Jahr 1981 seinen 70. Geburtstag feiert. Da er wegen seines angeborenen Augenleidens nicht selbst zur Feder greifen wollte, frischte er bei einem Glas Wein Erinnerungen auf, Erinnerungen, die noch so frisch und lebendig sind, dass wir uns sehr wohl in die Zeit vor gut 20 Jahren zurückversetzen konnten. Die Erinnerung ging allerdings noch weiter zurück in seine Kindheit und Jugendjahre, den Welschlandaufenthalt nach dem Schulabschluss, die Buchbinderlehre in der Werkstatt seines Vaters, die Jahre, in denen er, beseelt vom Wunsch, Theologe zu werden, zuerst drei Jahre in der Pilgermission auf St. Chrischona zubrachte, dann Latein und Griechisch lernte, um ein Universitätsstudium beginnen zu können, bis er, bedingt durch sein Augenleiden, an der Schwelle der Maturität hängenblieb und durch den Tod des Vaters im Jahre 1941 erkennen musste, dass ihm ein anderer Weg bestimmt war. Dieser Weg führte ihn in das von der Mutter weitergeführte Geschäft: die Papeterie und Buchhandlung Schudel in einem alten Häuschen an der Schmiedgasse. Im Kriegsjahr 1941 übernahm Theo Schudel das Geschäft und baute es sukzessive aus, vor allem auf dem Sektor Büromaterial für die Industrie und Kartei-Einrichtungen. Wiewohl er nur mit Hilfe einer Lupe lesen konnte, war Theo Schudel hauptsächlich am Buchhandel interessiert und bewirkte, dass sich dieser langsam auch in Riehen durchzusetzen begann. 1958 erwarb er von Coiffeurmeister Henri Zeiler die gegenüberliegende Liegenschaft an der Ecke Schmiedgasse/Wettsteinstrasse, und zwischen Herbst 1959 und Sommer 1962 entstand der bekannte Neubau, in dem - im Parterre - seit dem Jahre 1971 seine Nachfolger Papeterie, Büroorganisation und Boutique Wetzel sowie die Buchhandlung André untergebracht sind. Nach der Geschäftsaufgabe im Jahre 1971 übersiedelte Theo Schudel mit seiner Frau nach Orselina bei Locamo, wo er aktiv in der protestantischen Diasporagemeinde mitwirkt, gleichwohl aber noch immer am Geschehen in seiner Heimatgemeinde Riehen lebhaft Anteil nimmt und deshalb auch mit Interesse die Geschicke seines geistigen Kindes, des Jahrbuchs, verfolgt.

Einmal im Riehener Geschäftsleben stehend, erkannte Theo Schudel schon bald nach Kriegsende, dass zwischen Gemeindebehörde und Verwaltung einerseits und Riehener Gewerbe und Handel andererseits ein für das ganze Dorfleben verhängnisvoller Graben besteht. Eine Möglichkeit, ihn zu überbrücken, sah er in der Gründung einer Interessengemeinschaft, und in Drogist Marcel Werndle fand Theo Schudel einen Gleichgesinnten, der ihn bei der Schaffung einer «IG Riehen» unterstützte. Kaum ins Leben gerufen, entfaltete diese IG eine löbliche Aktivität mit der Veranstaltung von Gewerbeschauen, Buch- und Kunstausstellungen, die nicht nur einen engeren Kontakt zwischen Behörde und Gewerbe zur Folge hatte, sondern auch ein vermehrtes Interesse der Bevölkerung am Riehener Geschäftsleben bewirkte. Aus den gleichen Impulsen heraus wurde 1951 die «Kunst in Riehen» ins Leben gerufen, dank welcher nun schon seit 30 Jahren im Winterhalbjahr in Riehen Konzerte veranstaltet werden. Auch in dieser Kommission wirkte Theo Schudel 20 Jahre mit. Trotz dieser Aktivierung des Gemeindelebens empfand er das Fehlen einer Art Kompendium, in dem jährlich das Geschehen auf politischer und kultureller Ebene zusammengefasst wird, als einen spürbaren Mangel. Um auch diese Lücke schliessen zu können, studierte Theo Schudel das längst Tradition gewordene Basler Jahrbuch und bereits existierende Jahrbücher anderer Gemeinden. Die Idee war geboren, aber noch nicht spruchreif; denn es war dem Initianten klar, dass ohne finanzielle Unterstützung der Gemeinde ein Riehener Jahrbuch nicht zu verwirklichen war. Es gelang ihm, Gemeinderat Hans Renk für die Idee zu begeistern und durch ihn die Schaffung eines Riehener Jahrbuchs als matière à discuter ins Gemeindehaus zu tragen. Mit Hans Renk erarbeitete Theo Schudel auch das Konzept für das zu schaffende Jahrbuch, wobei von Anfang an die Zweiteilung in eine Folge von Artikeln und in eine Gemeindechronik feststand. Das heisst: einerseits Beiträge zur Historie, die zum besseren Verständnis der Gegenwart unumgänglich ist, zum wirtschaftlichen und kulturellen Leben, zu Festen und Jubiläen, die Akzente in der Dorfgeschichte setzen, andererseits eine Zusammenfassung des politischen Geschehens im weitesten Sinn, die denn auch im Verlauf der Jahre so ausgebaut wurde, dass sie als Fundgrube für angehende Historiker gelten kann. Doch wenn Gemeindepräsident Wolfgang Wenk im Geleitwort zur ersten Ausgabe schrieb: «Gerne unterstützt der Gemeinderat dieses sinnvolle Bestreben», dann darf doch nicht übersehen werden, dass es einige Zeit dauerte, bis sich die Riehener Behörde zu diesem «gerne» durchringen konnte, sich von der Nützlichkeit, ja Notwendigkeit eines Jahrbuchs überzeugen Hess und die Mittel bereitstellte, die eine Herausgabe des Jahrbuchs ermöglichten. Umso dankbarer wollen wir heute dieses «gerne» anerkennen, überzeugt, dass auch die gegenwärtig amtierenden Gemeinderäte dem Jahrbuch eine für das Gemeindeleben bedeutsame Aufgabe zubilligen.

Theo Schudel, der sich jahrelang nicht nur als Verleger, sondern auch als Redaktionsmitglied für das Gedeihen des Jahrbuchs einsetzte, hatte aber auch das Glück, in Riehen Autoren zu finden, die bereit waren, mit gehaltvollen Beiträgen, zum Teil auch belletristischer Art, am Jahrbuch mitzuarbeiten. So begegnen wir in den ersten Jahrgängen immer wieder Namen wie Eduard Wirz, Paul Hulliger, Lucas Frey, Werner Schär, Michael Raith und vor allem Fritz Lehmann, der von Anfang an Theo Schudels Vorhaben unterstützt und an dessen Verwirklichung tatkräftig mitgearbeitet hat. Auf unsere letzte Frage an Theo Schudel, ob er mit der Entwicklung seines geistigen Kindes zur Volljährigkeit zufrieden sei, nickte er zustimmend. «Das Konzept blieb erhalten und hat sich bewährt», stellte er fest, und seinen Blick von der Gegenwart in die Zukunft richtend, konstatierte er des weiteren, dass im Jahrbuch schon eh und je Ideen entwickelt wurden, deren Realisierung später erfolgte oder noch aussteht, und dass unter diesem Aspekt das Jahrbuch auch die Aufgabe hat, ein Forum zu sein, wo sich Bürger und Behörden zu fruchtbarem Gespräch einfinden. Dass dem auch in Zukunft so sei, ist mit Theo Schudel auch der Wunsch derer, die sich heute dafür einsetzen, dass das Jahrbuch eine sinnvolle Aufgabe erfüllen kann.

Und selbst Rückschau haltend, werde ich des Wunders bewusst, dass es eines unheilbaren Augenleidens bedurfte, damit Riehen zu seinem Jahrbuch kam.

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